Der Broadway liegt in München

von Redaktion

Kirill Petrenko dirigierte vor 10 000 Menschen sein erstes Freiluftkonzert bei „Oper für alle“

VON TOBIAS HELL

Es wäre interessant zu wissen, wie viel Diplomatie es den Intendanten wohl gekostet hat, Kirill Petrenko zu seinem ersten „Oper für alle“-Auftritt auf dem Marstallplatz zu überzeugen. Den Mann, der jeden Rummel meidet und lieber die Musik sprechen lässt. Und obendrein mit einem Repertoire, das man auf den ersten Blick nicht unbedingt mit dem Wagner- und Strauss-Experten verbindet. „Petrenko goes Broadway“ darf somit getrost den Titel als Kuriosum des Festspielsommers für sich beanspruchen. Was der Euphorie des Publikums jedoch keinen Abbruch tat, das sich bei Bilderbuchwetter in Scharen versammelt hatte.

Passend zum kulinarischen Angebot gab es auch musikalisch leicht verdauliche Häppchen, bei denen der akribische Klangbastler Petrenko leider viel zu selten Gelegenheit hatte, seine Qualitäten auszuspielen. Ein Eindruck, der sich durch die nicht immer optimale und eher knallige Abmischung noch verstärkte.

Im Vordergrund standen meist die Stimmen von Golda Schultz und Thomas Hampson, die sich eine Reihe von Broadway-Standards auf Opernformat zurechtbogen. Was bei den ohnehin klassisch gefärbten Songs aus „West Side Story“ und „My Fair Lady“ gut aufging – weniger bei der Zugabe mit Sondheims „Ladies who lunch“, die einfach mehr Dreck in der Kehle braucht und für Schultz’ silbrig glänzenden Sopran etwa 20 Jahre zu früh kam. Dass Hampson an ihrer Seite nicht nur in bester Crooner-Manier seinen Cole Porter schmetterte, sondern sich für eine Tanz-Episode aus Bernsteins „On the Town“ sogar den Taktstock borgen und ans Pult treten durfte, war zusätzlich ein netter Spaß, den Petrenko mit verschmitztem Lächeln gerne mitmachte – wissend, dass das für seinen im Sicherheitstempo wedelnden Dirigier-Azubi wohl keine Zweitkarriere werden dürfte.

Am wohlsten fühlte sich der Generalmusikdirektor beim elegant servierten „American in Paris“. Weil er hier aus der Rolle des Begleiters erlöst wurde und mit dem Staatsorchester endlich im großen Format agieren konnte, ehe er mit Franz Waxmans Filmmusik zu „Taras Bulba“ einen donnernden Schlusspunkt setzte. Für den nächsten Open-Air-Einsatz also vielleicht einfach Petrenko pur.

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