Luftbuchung im Wolkenkuckucksheim

von Redaktion

PREMIERENKRITIK Tina Lanik inszenierte „Die Vögel“ von Walter Braunfels bei den Tiroler Festspielen in Erl

VON MARKUS THIEL

„Was soll ich noch hier?“ Oder: „In mir schwingt etwas nach.“ Nimmt man das und noch viele weitere geschmerzte Abschiedssätze des Stücks zusammen, dann kommt einem der Gedanke: „Die Vögel“ von Walter Braunfels haben die Erler auch aus einem ganz anderen Grund angesetzt. Als endgültiges, melancholieumwehtes Finale der Jahrzehnte unterm inzwischen verstoßenen Gustav Kuhn, an dessen Stelle sein früherer Adjutant Andreas Leisner eine kurze Zeit den Chef geben darf.

Respekt vor der Stückwahl: Ambitionierteres, Ungewöhnlicheres gab es bei den Tiroler Festspielen noch nicht. Die Aristophanes-Veroperung von Braunfels, 1920 im Münchner Nationaltheater uraufgeführt, ist auch als monumentale Meditation über die damaligen Zeitumstände zu verstehen. Zwei Menschen, Ratefreund und Hoffegut, sehen in der Vogelgesellschaft eine Alternative und treiben die Federwesen dazu, ein Wolkenkuckucksheim zu errichten. Zeus soll damit herausgefordert werden, doch der reagiert – anders als in der antiken Vorlage – mit einem Vernichtungskrieg.

Braunfels, von den Nazis als „entartet“ und nach dem Krieg von der Avantgarde als überholt gebrandmarkt, schreibt dazu eine hochenergetische Musik, eine durchaus eigenwertige Mixtur aus explodierter Strauss-„Ariadne“ und Wagner’scher „Götterdämmerungs“-Gestik. Lothar Zagrosek hat das in maßstäblichen Aufführungen und in einer Einspielung verdeutlicht. Mit dem Tiroler Festspielorchester erreicht er anfangs nicht die Dringlichkeit der früheren Deutungen. Die Literatur ist fremd für die Musiker, passt trotzdem hervorragend zum sämig-warmem Timbre des Ensembles.

Klein, betont nüchtern ist Zagroseks Gestik, vielleicht auch, weil er das Orchester im Zaum halten will. Nach der Pause wandelt sich das, wird zum kalkulierten Rausch. Viel und fast Unvereinbares verlangt Braunfels von seinen Solisten, höchste Flexibilität bei gleichzeitiger Durchschlagskraft. Marlin Miller, dessen Tenor-Strahl sich durchfräst, schafft als Hoffegut imponierende Näherungswerte, ebenso Bianca Tognocchi mit der extrem gelagerten Partie der Nachtigall, in der Strauss’ Zerbinetta widerhallt. Thomas Gazheli, ein alter Erler Bariton-Recke, darf als Prometheus seine Bizarrerien ausleben, das übrige Ensemble inklusive Chor schultert seine Aufgaben hochachtbar.

Worauf Regisseurin Tina Lanik, am Residenztheater oft gebucht, genau hinauswill, erschließt sich kaum. Zwei Menschenkerle, einer davon in Gala-Tracht, entern vom Parkett aus die Bühne und werden in eine surreale Welt katapultiert. Der Backstage-Bereich eines Theaters könnte das sein oder eine recycelte „Ariadne“-Ausstattung, eine Wunsch-, später entzauberte Wunderwelt (Bühne: Stefan Hageneier, Kostüme: Heidi Hackl). Braunfels’ Zeitkritik, die sich als Fabel tarnt und über die Antike transportiert, teilt sich nur in Spurenelementen mit. Statt in der prächtigen Vogelburg spielt alles nihilistisch auf schwarzen Müllsäcken. Die Aufführung raunt Bedeutung und bleibt doch bloß symbolistische Luftbuchung. Dann lieber, aus Respekt vor dem Werk, Konzertantes.

Weitere Vorstellung

am 27. Juli; Karten: 0043/5373/810 00 20.

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