Schrei nach Liebe

von Redaktion

PREMIERENKRITIK Verena von Kerssenbrock inszenierte „Don Giovanni“ beim Festival Immling

VON TOBIAS HELL

Für E.T.A. Hoffmann war „Don Giovanni“ die „Oper aller Opern“. Obwohl seither einige Jahre ins Land gezogen sind, dürften ihm selbst heute nur wenige Menschen widersprechen. Auch bei den Festspielen auf Gut Immling, sonst eher Hochburg des italienischen Repertoires, ist der Schwerenöter bereits zum wiederholten Male auf dem Spielplan präsent. Mozarts Oper gibt Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock Gelegenheit, nach der monumentalen „Turandot“ zum Festivalstart und einer „Fledermaus“ nun ein weiteres Mal die stilistische Bandbreite ihres Orchesters unter Beweis zu stellen: in frischem, historisch informiertem Tonfall, den man sich mit den barocken Experimenten zurückliegender Jahre erarbeitet hat.

Schon die ersten Takte der kompromisslos vorangetriebenen Ouvertüre ziehen das Publikum ins Geschehen. Auch im weiteren Verlauf lässt Kerssenbrock die Zügel nur selten locker – es sei denn als bewusst gesetzten Kontrast. Ob es dabei wirklich auch noch die Rockband samt E-Geige gebraucht hätte, um Mozart in zwei kurzen Szenen endgültig ins 21. Jahrhundert zu holen? Nun ja, ein unterhaltsamer Gag bleibt es.

Einen neuen Dreh versucht auch Regisseurin Verena von Kerssenbrock der bekannten Geschichte zu geben, indem sie eine Frau in den Mittelpunkt rückt, die unter den 2065 Eroberungen, die die berühmte Registerarie aufzählt, naturgemäß fehlt: Giovannis Mutter, in deren Schoß er während der Ouvertüre seinen Kopf betten darf, nur um von ihr immer wieder zurückgestoßen zu werden. Was dem bindungsunfähigen Titelhelden hier an Liebe fehlt, muss auf anderem Weg kompensiert werden. Das von der Regisseurin selbst entworfene Bühnenbild verdeutlicht das clever, denn an der Rückwand finden sich hunderte Damenschuhe als morbide Trophäensammlung. Links davon fünf Türen, die gerne mal für slapstickartige Auf- und Abtritte genutzt werden, was manchmal überstrapaziert wird, dem emotionalen Dreh- und Angelpunkten der Geschichte aber nicht schadet.

Mehr irritieren da schon einige kleine Striche, durch die man den Abend zu straffen versuchte. Wenn etwa das Schluss-Sextett nach Don Giovannis unrühmlichem Ende nahtlos mit der Moral („So endet der, der Böses tut“) einsetzt, wird den Nebenfiguren die Lösung ihrer individuellen Konflikte vorenthalten – und das Ensemble im Finale zu bloßen Statisten. Da wäre es konsequenter gewesen, gleich mit der in düsteren Klangfarben schwelgenden Höllenfahrt zu enden.

Aber das ist nur ein kleiner Schönheitsfehler einer dicht gearbeiteten Aufführung, die mit Modestas Sedlevičius einen ebenso eleganten wie kultiviert singenden Don Juan aufbieten kann, der manchmal beinahe manisch-depressive Züge hat.

Zusammen mit dem überaus spielfreudigen Leporello von Ilya Lapich bildet Sedlevičius ein großartiges Gespann, das den Abend aber nicht allein tragen muss. Denn Don Giovannis aktuelle Eroberungen sind mit Lussine Levoni, Forooz Razavi und Anastasia Churakova ebenfalls solide besetzt, wenn auch von den Stimmfarben her ein wenig zu ähnlich. Dafür entschädigt Jenish Ysmanovs Don Ottavio, der von der Regie zwar zum Pastellfarben tragenden Schwächling gemacht wird, seinem Widersacher aber in vokaler Hinsicht mehr als Paroli bieten kann.

Weitere Vorstellungen

am 27. Juli sowie am 2. und 9. August;

Karten: 08055/ 90 34 0.

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