Mondsüchtig, aber mit Humor

von Redaktion

Das Salzburger Museum am Mönchsberg zeigt „Fly me to the Moon“

VON SIMONE DATTENBERGER

Den Anflug auf den Mond machen wir mit der Raumkapsel „Martin Luther“. Um die schweben an ihren Nabelschnüren Astronauten, pardon, Afronauten, in poppigen Raumanzügen. Yinka Shonibare CBE begrüßt mit seiner Decken-Installation im Salzburger Museum der Moderne auf dem Mönchsberg die Besucher mit einem satten Wiedererkennungssignal. „Space Walk“ (2002) erinnert nicht nur an einschlägige Spielfilme, sondern auch an das aktuelle Jubiläum: 50 Jahre Mondlandung. Ihr ist die Ausstellung „Fly me to the Moon“ (nach dem Frank-Sinatra-Song) gewidmet, die in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Zürich entstand. Shonibares Eben-nicht-High-tech-Gebilde ist freilich noch ein drittes Erkennungssignal: Kunst nimmt den Technikkram und schon gar nicht den Heroenkult um die Weltallpioniere, außerdem absolut total überhaupt nicht die diversen politischen Macho-Aufblähungen ernst.

Die Züricher Kuratorin Cathérine Hug hat versucht, ihr hübsches, vielfältiges und -schichtiges Mond-Sammelsurium zu gliedern: „Astronomie und Gestalt“, „Moderne Kosmonautik, Kalter Krieg und Space Race“ oder etwa „Micro und Zero Gravity“ funktionieren mehr schlecht als recht. Kunstwerke passen sich halt so gar nicht an. In manche „Schublade“ der Schau kuschelt sich eine Arbeit gut hinein, die andere schert sich einen Dreck um Zuschreibungen. Zum Glück haben sich weder die Salzburger noch die Züricher Museumsleute schrecken lassen – sie haben das Chaos gewagt nach dem Motto „Huston, wir haben kein Problem“.

Mit dieser Einstellung sollte auch der Betrachter durch die Präsentation schlendern, die Sylvie Fleury mit ihrer Langflor-Flausch-Rakete gern auf die Venus umleiten würde. Von diesem Scherz aus begibt man sich dann in die Umlaufbahn des Erdtrabanten. Dessen Oberfläche schickt unverdrossen Beethovens „Mondscheinsonate“ – allerdings mit kleinen Ausfällen (Morsecode-Partitur) – zu uns zurück. Und Katie Paterson lässt das Ergebnis auf einem Disklavier Baby-Flügel erklingen (2007). Ähnlich realistisch ist Michael Sailstorfers Abguss der Oberfläche der dunklen Seite des Mondes (2005), der schön zu den alten, liebevoll ausgearbeiteten Darstellungen der lunaren Morphologie kontrastiert. Noch besser getroffen hat indes Michael Günzburger die dunkle Seite des Sehnsuchtsplaneten aller romantischer Seelen – in einem leicht gebräunten Omelette (2006).

Die Fantasie-Entladungen, die der fahle Himmelskörper schon immer auslöste, zeigen sich im Museum am Mönchsberg natürlich auch in vielem anderen: in Büchern zwischen „Peterchens Mondfahrt“ und Jules Vernes Romanen, in sowjetischen und US-amerikanischen Zeitschriften und in Filmen wie Fritz Langs „Frau im Mond“ (1928/29), der Fernsehserie „Raumpatrouille Orion“ und dem hinreißenden Kunstfilm „Die widerrechtliche Ausübung der Astronomie“ (1967) von Peter Schamoni. Hier spielt der zeichnend ein eigenes Hieroglyphensystem erfindende Max Ernst die Hauptrolle.

Mit ihm ist man bei den Kunststars der Klassischen Moderne – und beim Kapitel Mondschein. Hier darf man hinschmelzen und sich ein bissl fürchten. Denn Ernst oder Edvard Munch, René Magritte oder Marianne von Werefkin, Ernst Ludwig Kirchner oder Johann Heinrich Füssli zelebrieren das Zwielichtige am wandelbaren und wankelmütigen Mondschein, der der Welt erst Magie verleiht. Romantiker wie Friedrich Nerly nutzten das 1838, um ausgelutschte Motive wie Venedig in neues Licht zu tauchen; und Hiroyuki Masuyama machte es ihm 2018 mit einer LED-Lichtbox fast identisch nach.

Interessant bei den Starauftritten ist, dass Andy Warhol und Robert Rauschenberg zum propagandistischen Zwecken von der Nasa angeheuert wurden. Ihre Arbeiten laufen denn auch in „Fly me to the Moon“ nur unter ferner-liefen. Wenn schon Pop Art, dann die des russischen Duos Vladimir Dubossarsky und Alexander Vinogradov. Sie verwandelten 2006 in „Cosmonaut No.1“ den Kalten Krieg energisch in Frieden und die Männerherrschaft in Frauenemanzipation. Ihr Kosmonaut ist nicht Juri Gagarin (1961), sondern eine Lady, und zwar die erste Barbie (1959). Frieden schaffen mit Ironie!

Das heißt nicht, dass die Künstler die schwarzen Seiten vergessen, die der Mond ebenfalls bescheint: Das totale Ausgesetzt-Sein des Astronauten im All zeigt Thomas Riss mit „Draußen“ (2012) analog zu David Bowies Major Tom. Amalia Pica erinnert mit „Moon Golem“ (2009) an die Opfer der Raumfahrt, indem sie das Gedenk-Figürchen von Paul van Hoeydonck hervorhebt. Es wurde 1971 von der Apollo 15-Crew auf dem Mond abgelegt. Und schließlich bescheint der Mond den „Blauen Planeten“, der von den Menschen zerstört wird – wie manche Künstler akribisch festhalten.

Bis 3. November,

in der Festspielzeit täglich 10-18 Uhr; sonst Di.-So. 10-18 Uhr; Salzburg, Mönchsberg 32, das Museum ist bequem mit dem Mönchsberg-Aufzug erreichbar; Tel. 0043/662/84 22 20-601; Katalog, Snoeck Verlags- gesellschaft: 48 Euro.

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