Dass Igor Levit seinen Beethoven kennt, braucht man dem Münchner Publikum wahrscheinlich nicht lange zu erklären. Hier konnte man über mehrere Spielzeiten hinweg einen groß angelegten Zyklus genießen, in dessen Rahmen er sich sämtlichen Klaviersonaten des Komponisten widmete und diese immer wieder mit klug gewählten Zugaben kontrastierte. Und der Kontext war es nun auch, der dem zweiten, mit Ovationen überschütteten Salzburger Festspielauftritt des Pianisten in diesem Sommer die Aura des Außergewöhnlichen verlieh.
Zwei Klassiker von Levits Leib- und Magen-Komponisten rahmten im Haus für Mozart das Adagio aus der unvollendeten zehnten Symphonie von Gustav Mahler. Keine geringe Herausforderung. Doch wie zahlreiche andere Kammerfassungen seiner meist groß dimensionierten Werke zeigte auch diese von Ronald Stevenson erstellte Klavierbearbeitung, dass Mahler keineswegs immer den orchestralen Bombast benötigt.
Gerade die Tatsache, dass im Falle der schicksalhaften Zehnten eben keine endgültige, aus erster Hand autorisierte Partitur existiert, machte diesen Zugriff umso spannender. Igor Levits subtil ausgeleuchtete Lesart erweckte bei geschlossenen Augen beinahe die Illusion, man würde dem Komponisten bei der Arbeit über die Schulter hören.
Behutsam herantastend und manchmal stockend die ersten Takte, in denen die Stille fast so wichtig erschien wie die vorsichtig um sie herumgetupften Noten, die meist leise verklangen und so ihre volle Wirkung entfalten durften, ehe sie von der nächsten Idee abgelöst wurden. Meisterhaft, wie der Pianist hier das volle Ausdrucksspektrum seines Steinway zu erforschen verstand, von zart hingehauchten Phrasen bis zur brutalen Pranke. Hin und wieder aber auch die klanglichen Eigenheiten anderer Instrumente nachahmend, die man unterbewusst mitahnte und zuweilen sogar tatsächlich zu hören glaubte.
Überaus kontrastreich und nicht minder fesselnd auch Levits Beethoven. Selbst wenn bei den „Sechs Bagatellen“ leider eine unsanfte Störung im Saal zunächst zum Neuanfang zwang und es fast bis zum dritten Stück dieses kleinen Zyklus dauerte, bis die Konzentration wieder vollends gefunden war und sich in der Nummer sechs schließlich alle zuvor ausgestellten Affekte trefflich vereinten.
Ohne Ablenkung und mit beinahe schon andächtiger Stille dafür aber nach der Pause der angriffslustige Start in die „Diabelli-Variationen“. Hier hatte Levit Gelegenheit zu demonstrieren, dass er auch das virtuose Element beherrscht. Wobei die rasant aus dem Handgelenk geschüttelten Momente ihre Kraft ein weiteres Mal aus den als Gegengewicht platzierten Ruhepolen zogen. Alles eine konsequente Vorbereitung auf den emotionalen Höhepunkt, das in sich gekehrte Largo der 31. Variation, dem Levit eine von großer Klarheit geprägte Fuge folgen ließ, die bei aller Strenge aber dennoch nie schulmeisterlich wirkte und mit dem abschließenden Menuett einen augenzwinkernden Schlusspunkt bekam.