„Herzensangelegenheit“

von Redaktion

Bayerische Museen restituieren NS-Raubkunst an die Erben der Ermordeten

VON SIMONE DATTENBERGER

Zwei ältere Münchner werden im Abstand von zwei Jahren ermordet. Die durch und durch anständigen Bürger wurden zuvor ausgegrenzt, beraubt, aus der Wohnung, dann aus ihrer Heimat vertrieben. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, die Staatliche Graphische Sammlung und das Bayerische Nationalmuseum restituierten gestern in München einige Artefakte aus dem Besitz des Ehepaars.

Für die Mannheimer Familie Langer und ihre Verwandten in Deutschland, Großbritannien, Israel, Zimbabwe und den USA bedeutet die Rückgabe von fünf Gemälden, drei Farbstichen und einer Holztafel, in die neun Elfenbeintäfelchen eingelassen sind, nicht nur Genugtuung. Hardy Langer, der Sprecher der Erbengemeinschaft, merkte bei dem würdevollen Akt der Restitution der Besitztümer im Nationalmuseum etwas an, was die Zuhörer tief berührte. Er erklärte, warum er überhaupt existiert: weil ein Mann in der Nazi-Zeit unerschütterlich zu seiner jüdischen Frau stand. Er rettete sie und ermöglichte damit viele Leben. Im Lichte ungeheuerlicher Massenmorde und viel Feigheit ist das eine große Tat.

Semaya Franziska (31. Mai 1879 bis 24. April 1943) – mit ihr sind die Langers verwandt –  und Julius Davidsohn (8. Februar 1874 bis 11. August 1942), die beiden Münchner aus der Widenmayerstraße, hatten niemanden, der ihnen half. Einige Tage nach der Reichspogromnacht 1938 unternahm der NS-Staat seinen systematischen, von so manchem Kunstexperten unterstützten Raubzug durch Deutschland. In München und Umgebung wurden 70 Bürger ausgeplündert. In der jeweiligen Wohnung wurde alles fein säuberlich protokolliert, vor dem Haus stand der Möbelwagen.

Die nun zurückgegebenen Objekte landeten nach dem Krieg im Münchner Central Collecting Point. Die Jewish Restitution Successor Organisation erhob für die unbekannten Erben Rückerstattungsansprüche, die 1950 nach einem Generalabkommen an den Freistaat Bayern abgetreten wurden. Die Washingtoner Erklärung von 1998 brachte wieder Bewegung in die Lage, denn viele Länder hatten sich verpflichtet, Raubkunst zurückzugeben. Das bedeutet für die Museen, langwierige, oft erfolglose Suchen zu starten. Um die Erben der Davidsohns aufzuspüren, brauchten Andrea Bambi und ihr Team von den Staatsgemäldesammlungen sowie Alfred Grimm vom Nationalmuseum zwei Jahre. 2018 hatte man die Cousins und Cousinen von Semaya Franziska Davidsohn, geborene Hirsch, gefunden.

Kunstminister Bernd Sibler, Frank Matthias Kammel (Nationalmuseum) und Bernhard Maaz (Staatsgemäldesammlungen) machten in ihren einfühlsamen Reden klar, dass die Unterzeichnung des Restitutionsdokuments kein simpler „Vollzug“ sei, sondern der Versuch, Gerechtigkeit walten zu lassen. „Wir sind mit dem Herzen dabei“, so Sibler, der außerdem betonte, dass die Provenienzforschung eine Daueraufgabe sei. Da wird ihn Kammel beim Wort nehmen, denn mit der Pensionierung des Experten Grimm ist die Stelle für Herkunftsanalyse erloschen. Im Nationalmuseum muss jetzt ein Konservator diese Aufgabe zusätzlich zu seiner eigentlichen Arbeit erledigen.

Den Museumschefs Maaz und Kammel war bei der Übergabe wichtig, den europäischen Gedanken zu betonen. Die Werke, mit denen das Ehepaar Davidsohn lebte, stünden für dieses „kulturelle Selbstverständnis“. Tatsächlich erzählen die niederländischen Gemälde davon, dass die Münchner um berühmte Maltraditionen wussten; die alpenländischen Bilder zeigen, dass die „Zuagroastn“ (Hannover, Frankfurt) in Bayern heimisch geworden waren; und die Tafel mit Szenen aus Schillers „Glocke“ beweist eine innige Verbundenheit mit der deutschen Aufklärung.

Sie wurde zusammen mit den Davidsohns und vielen Millionen anderen Menschen von den Nazis geschändet. Zu Recht wies Maaz darauf hin, dass solche „Wiedergutmachungen“ wie die aktuelle Restitution immer etwas „mit unserer Gegenwart zu tun haben“. Nicht zuletzt aus diesem Grund sprach Ellen Presser, Leiterin des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde München, von einem „Akt von großer symbolischer Tragweite“.

Die spürte genauso die Erbengemeinschaft der Davidsohns. Durch die Ergebnisse und Anfragen der Provenienzforscher wurde sie nun, im 21. Jahrhundert, mit ihrer, unserer Geschichte konfrontiert. Deswegen sollen, so Hardy Langer, die Kunstwerke als Einheit bei einem Sammler bleiben: „Meine Verwandten aus anderen Kontinenten sollen sie so sehen können.“

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