Anke Huettner, die neue Chefin der Monacensia, möchte eine eigene Tradition installieren: von Zeit zu Zeit in einem Hintergrundgespräch über die aktuellen Projekte des literarischen Gedächtnisses der Stadt München informieren. Gestern war das Motto ihrer Bestandsaufnahme und Vorschau „Literaturarchiv“. Es ist Herz wie Hirn der Monacensia im Hildebrandhaus, und deren Herr ist Frank Schmitter.
Er freut sich aktuell über die gerade gekauften Briefe von D. H. Lawrence an Max Mohr, für die der Stadtrat auch einen Sonderzuschuss locker gemacht hat. Der Regisseur Nicolas Humbert, Enkel Mohrs, bewahrte nicht nur liebevoll die Dokumente – früher in einer „Korbkiste“ –, sondern versucht auch seit Jahren, mit Film („Wolfsgrub“), Hörspiel, Lesungen, Ausstellung dagegen anzukämpfen, dass sein Großvater vergessen wird. Der Schriftsteller und Arzt Mohr (1891-1937) gehört zu der Generation von Künstlern, die in den Zwanzigerjahren Erfolg hatten, in der Nazi-Zeit verfemt waren und dann aus dem Gedächtnis der Deutschen verschwanden. Das wollen Humbert und die Monacensia verhindern.
Die wunderbaren Briefe, etwa an seine Frau Käthe aus dem verrückten Berlin der gar nicht goldenen Zwanziger und dem Exil Schanghai, sind das eine. Das andere ist gewissermaßen ein literarisches Kammerspiel, das zwei Dichter aufführen. Hier der junge Dramatiker, der mit seiner Frau ein karges Leben in der Rottacher Wolfsgrub führt. Dort der „Guru“ Lawrence (1885-1930), der mit seiner Frau Frieda von Richthofen durch die Welt zieht und 1927 in Irschenhausen bei der Schwägerin Station macht. Beide Männer treffen sich auf der Basis der heftigen Zivilisationskritik, so Humbert und Schmitter – und wohl auch in einer energisch verteidigten Unangepasstheit. Von dieser Freundschaft blieben 32 Briefe und sechs Postkarten des Briten; Max Mohrs Schreiben existieren leider nicht mehr. Auch als Arzt stand er Lawrence bei – fast bis in den Tod im französischen Vence.
Max Mohr war mit seiner Komödie „Improvisationen im Juni“ (Uraufführung 1920) und vielen weiteren Stücken und Romanen damals genauso eine feste Größe in der deutschsprachigen Literaturszene wie Waldemar Bonsels (1880-1952). Dessen Nachlass (100 Kassetten, 80 000 Einzelseiten) widmet die Monacensia in Kooperation mit der Bonsels-Stiftung einen weiteren Arbeitsschwerpunkt. Christina Lemmen sitzt seit einem halben Jahr an dem Konvolut, das vom Vater der Biene Maja stammt. Es soll digitalisiert werden. Im Gegensatz zu dem jüdischen und eigenwilligen Künstler Mohr arrangierte sich Bonsels mit den Nazis und konnte weiterhin veröffentlichen. „Wie er wirklich als Mensch war, davon kann man sich kaum ein Bild machen“, beschreibt Lemmen ihren bisherigen Eindruck. Bonsels habe sich stets als Dichter inszeniert, sei auf literarische Moden bedacht gewesen und darauf, sich gut zu verkaufen. Auf diese Weise konnte sich der Frauenheld denn auch das Anwesen in Ambach am Starnberger See leisten. Im Zusammenhang mit dem Thema Digitalisierung betont Buettner, dass man sich nicht darauf ausruhen wolle. Entscheidend sei, aufs Publikum zuzugehen und durch Veranstaltungen Zugänge zum jeweiligen Monacensia-Schatz zu schaffen.
Weit gediehen ist das dritte gestern vorgestellte Projekt, die Ausstellung „Erika Mann – Kabarettistin, Kriegsreporterin, politische Rednerin“. Das ist die erste Einzelpräsentation überhaupt, die das turbulente und politisch aufgeladene Leben der Tochter Thomas Manns beschreibt. Ihren Nachlass betreut die Monacensia ebenfalls. Erika Mann (1905-1969) ging einen ungewöhnlichen Weg: von der Tochter aus gutem Münchner Hause über die freche Künstlerin hin zur Polit-Analytikerin. Eröffnung ist am 10. Oktober.
Monacensia,
Maria-Theresia-Straße 23;
Mo.-Mi. 9.30-17.30 Uhr,
Do. 12-19 Uhr.