Als Toni Morrison als erster farbigen Schriftstellerin 1993 der Literaturnobelpreis verliehen wurde, löste die Entscheidung Überraschung aus. Die Schwedische Akademie sprach von „visionärer Kraft und poetischer Prägnanz“. Die Autorin habe mit ihrem Werk eine „wesentliche Seite der amerikanischen Wirklichkeit verlebendigt“. In den folgenden Jahren wuchs ihr Schaffen auf elf Romane an, darunter die vielleicht bekanntesten „Menschenkind“ und „Paradies“ – und zuletzt 2017 „Gott, hilf dem Kind“. Jetzt ist Morrison im Alter von 88 Jahren gestorben.
Eigentlich hatte sie spät mit dem Schreiben begonnen. Sie war 39, als sie „Sehr blaue Augen“, ihren ersten Roman, veröffentlichte. Es folgten „Jazz“, „Solomons Lied“, „Sula“ und „Teerbaby“, insgesamt eine Geschichte der schwarzen USA aus der Sicht der Sklaven und ihrer Nachfahren mit ihren Verletzungen und Demütigungen. Immer wieder tauchte Morrison in die Vergangenheit ein, kehrte zurück in die Zeit, als Menschen noch verkauft wurden. So im Buch „Gnade“, das vom Schicksal einer Sklavin erzählt, die im Haus eines portugiesischen „Senhor“ aufwächst, der ihr erlaubt Lesen und Schreiben zu lernen, wegen seiner Schulden das Mädchen aber verkauft. Im Zentrum aller Bücher steht der Rassismus.
Toni Morrison stammte selbst aus einer armen Familie in einem kleinen Ort in Ohio, der in den Dreißigerjahren von der Stahlindustrie lebte. In ihrer Klasse war sie das einzige Kind, das bei der Einschulung schon lesen konnte. Damals hieß sie noch Cloe Wofford. Sie absolvierte die Highschool und arbeitete nach dem Studium jahrelang als Lektorin in einem New Yorker Verlag. 1989 wurde Morrison als Professorin für Geisteswissenschaften an die Princeton-Universität in New Jersey berufen. Als Schriftstellerin war ihr freilich klar, dass sie nicht einfach eine US-amerikanische Autorin werden konnte, sondern „a black woman writer“. Bei ihrem Schreiben ging es ihr auch darum, die Stärken einer schwarzen Identität zu entdecken. Ihre Romane konzentrierten sich folgerichtig auf Schicksale jenseits der offiziellen, der weißen US-Geschichte.
Amerika habe stets den Gedächtnisverlust vorgezogen, meinte sie. Kein Selbstmitleid, aber das Beharren auf einer eigenen Geschichte der Schwarzen – das trieb sie an. Deswegen wurde Toni Morrison als die wichtigste Stimme des schwarzen Amerikas angesehen. In ihren Werken gelang es ihr immer wieder, über die historischen Distanzen hinweg das elementar Menschliche herauszuarbeiten, Verschollenes zurückzuholen. Sie selbst sah sich nicht als Amerikanerin, sondern als Afroamerikanerin, als Autorin, die sich früh dafür entschieden hatte, sich an niemanden zu richten. Ihr Standpunkt war da eindeutig: „Wenn ich nur für Schwarze geschrieben hätte, wäre das so gewesen, als wenn Tolstoi nur für russische Leser geschrieben hätte.“ Sätze der moralischen Empörung über die Auswirkungen der Sklaverei auf afroamerikanische Menschen in den USA lassen sich in ihrem Œuvre nicht finden. Toni Morrison vertraute darauf, dass die Darstellung genüge, um den weißen US-Amerikanern klar zu machen, woher der Reichtum einiger von ihnen stamme: von religiösem Fanatismus und der Versklavung der schwarzen Bevölkerung. „Was Menschen außerhalb Amerikas an diesem Land mögen, entstammt in der Regel der schwarzen Kultur.“