Wann hat’s das in der Unterfahrt je gegeben? In Münchens, pardon: Deutschlands, Jazzclub Nr.1 werden die ganze Woche Tische und Stühle vor der Bühne weggeräumt – damit das Publikum Platz zum Tanzen hat! Möglich macht’s die Jazzrausch Bigband, die hier in chronologischer Reihenfolge ihre bisherigen sechs Programme spielt, die auf neuartige Weise jazzorchestrale Komposition mit Techno-Rhythmen verbinden.
Der Auftakt mit der 50-minütigen Non-Stop-Komposition „Prague Calling“ – Bandchef Roman Sladek nennt sie eine „Jugendsünde“ – zeigte schon das erfolgreiche Grundprinzip: Die gnadenlose Motorik der Beats lässt einen tatsächlich nicht still sitzen. Auf dieser Basis aber entfaltet sich ein jazzoider Dschungel aus Riffs und Soli, der auch dem erfahreneren Jazzhörer noch genügend Ohrenfutter bietet. Diese Erfolgsformel wird in der Folge weiter verfeinert und raffiniert variiert: Heute Abend kommt in der Unterfahrt „Seelenrausch“ zu Gehör, morgen das jüngste Programm, „Dancing Wittgenstein“. Sind da jetzt Hedonisten mit Verstand oder partyaffine Intellektuelle am Werk? Auf jeden Fall hervorragend ausgebildete und ambitionierte junge Musiker (vier von 15 an diesem Abend Frauen), die Gleichaltrige begeistern wollen. Was ja auch mehr Sinn und Spaß macht, als vor der eigenen (Groß-)Vätergeneration aufzutreten und sich bescheinigen zu lassen, dass im Jazz aber früher mehr Lametta war. Das Konzept geht auf: Das nächste Programm „Beethoven’s Breakdown“ soll im Herbst in der Münchner Philharmonie Premiere haben. Ob man dort dann auch die Sitze…? Egal: Jazz-Innovation made in Munich – wann hat’s das je gegeben? REINHOLD UNGER
Weitere Konzerte
heute und morgen; www.unterfahrt.de.