Schwarze Witwen

von Redaktion

Das Original-Musical „Chicago“ begeistert im Deutschen Theater

VON TOBIAS HELL

Ein wenig Nostalgie schwingt inzwischen mit, wenn auf der Bühne des Deutschen Theaters München die Trompete dreckig zum Ohrwurm „All that Jazz“ ansetzt. Hat das Musical „Chicago“ aus der Feder von Kander & Ebb doch längst den Status eines Klassikers erreicht, den jeder wahre Fan des Genres mindestens einmal im Leben gesehen haben sollte: gerade in dieser Inkarnation, die sich im englischen Original präsentiert und so noch einmal einige Seitenhiebe mehr zu bieten hat als die arg verwässerten deutschen Übertitel.

Sehenswert sind vor allem die scharf auf den Punkt inszenierten Tanzszenen, die auf liebevolle Weise Broadway-Legende Bob Fosse Tribut zollen, der das Stück 1977 aus der Taufe gehoben hatte. Choreografin Ann Reinking hatte das Stück erstmals Mitte der Neunziger in New York im Geiste ihres einstigen Lebensgefährten und Mentors neu einstudiert. Wobei sie Fosses unverwechselbare Bewegungssprache nicht einfach reproduzierte, sondern  mit  viel Witz für die nächste Generation aufbereitete.

Dank eines handverlesenen Ensembles, das die genau ausgezirkelten Nummern bis in den kleinen Finger hinein perfekt synchron aufs Parkett bringt, hat das nun auch im Deutschen Theater eine unwiderstehliche Coolness, die sich schwer toppen lässt. Stellvertretend seien hier nur die sechs Mörderinnen erwähnt, die im mitreißenden „Cell Block Tango“ zur diabolischen Freude des Publikums noch einmal Revue passieren lassen, wie sie sich ihrer untreuen, unaufmerksamen oder einfach nur unmöglich nervenden Ehemänner entledigt haben.

So frisch und unverbraucht, wie sich „Chicago“ in solchen Momenten präsentiert, ist es tatsächlich schwer zu glauben, dass die bitterböse Satire auf das US-amerikanische Justizsystem schon über vier Jahrzehnte auf dem Buckel hat. Gibt es doch mehr als eine Szene, die direkt von der aktuellen Regenbogenpresse oder einem Blick in die Sozialen Netzwerke inspiriert sein könnte. Wenn etwa die nach Aufmerksamkeit hungernde Roxie Hart ihren Prozess geschickt nutzt, um sich in die Klatschspalten zu manövrieren, stellen sich ähnlich unangenehme Déjà-vus ein wie beim Credo ihres zwielichtigen Anwalts, das Craig Urbani mit perfekt sitzender Fliege und schmierigem Zahnpasta-Lächeln serviert. Fakten sind in seiner Welt zweitrangig, solang das Honorar stimmt und das Unschuldsimage nur glaubwürdig genug inszeniert wird.

Nicht, dass es um den moralischen Kompass der übrigen Figuren besser bestellt wäre. Auch die von Ilse Klink mit kräftiger Soulstimme verkörperte Gefängniswärterin „Mama“ Morton drückt bei ausreichender finanzieller Zuwendung gern mal ein Auge zu und wechselt schnell die Seiten, als Roxies Publicity zu steigen beginnt. In diesem Umfeld wirkt Grant Towers als geprellter aber umso treuherzigerer Ehemann fast schon wie ein Fremdkörper, sorgt jedoch mit seinem naiven Dackelblick und komischen Timing für viel Schmunzeln im Saal.

Er bildet den idealen Kontrast zu Carmen Pretorius’ wasserstoffblonder Roxie, die aber leider auch fast den gesamten ersten Akt benötigt, um sich vom frustrierten Mauerblümchen endlich zur selbstbewussten Rampensau zu wandeln. Eine Chance, die wiederum Samantha Peo für sich zu nutzen weiß, die hier in die Schuhe von Roxies Widersacherin Velma Kelly schlüpft. Die Moral der Geschichte? Es wird immer Menschen geben, die für ihre 15 Minuten im Rampenlicht über Leichen gehen. Zum Glück nicht immer im wörtlichen Sinne. Nehmen wir es also mit einer Prise (schwarzem) Humor. Den hat „Chicago“ im Überfluss.

Weitere Vorstellungen

bis 11. August; Karten: www.deutsches-theater.de; 089/55 234-444.

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