Am Donnerstag startet „Prélude“ in den Kinos. Ein eindrücklicher Film übers Erwachsenwerden, über fehlende Sprache, über falschen Ehrgeiz. Darin zu sehen: Liv Lisa Fries. Bei der Anfrage für ein Interview mit dem „Babylon Berlin“-Star zeigt Fries sich zurückhaltend. Schließlich stehe nicht sie in Sabrina Sarabis Drama im Fokus, sondern Hauptdarsteller Louis Hofmann. Als die 28-Jährige sich dann doch zum Gespräch bewegen lässt, wird klar, dass das keine Koketterie war. Die Schauspielerin, die lange vor ihrer Rolle der Lotte in der Bombast-Serie über die Zwanzigerjahre für Auftritte in Filmen wie „Und morgen Mittag bin ich tot“ Preise abgeräumt hat, möchte sich nicht in den Vordergrund drängen. Was für sie zählt, ist der Film.
Nicht nur im Vergleich zu dem Gigant-Projekt „Babylon Berlin“ ist „Prélude“ ein kleiner Film. Nicht zu klein für Sie?
Nein, nach den ersten zwei Staffeln von „Babylon“ war mir wichtig, ein kleines, feines Projekt zu machen. Nicht, dass wir bei „Babylon“ nicht auch klein und fein arbeiten würden, aber natürlich in viel größerem Rahmen. Und dann hat mich die Zusammenarbeit mit Louis Hofmann gereizt. Der ist völlig zu Recht einer der gefragtesten Schauspieler. Er inter-agiert wirklich mit den anderen. Es interessiert mich ja nicht nur, was ich tue, dann könnte ich das allein in meinem Zimmer machen, sondern die Interaktion zwischen den Figuren und am Set mit allen Departments und was daraus entsteht. So auch mit der Regisseurin. Sabrina Sarabi ist sehr präzise. Sie sagt zum Beispiel: „Schau ihn an; schlag dann das Bein über; steh auf; und sag dann den Text so und so.“
Ihnen gefallen diese genauen Vorgaben? Ist man da als Schauspielerin nicht zu sehr Puppe?
Mir gefällt es auch. Grundsätzlich muss man sagen: Ich bin zu einem ganz großen Teil sowieso Puppe. Das muss man bei diesem Beruf akzeptieren. Denn es ist nicht mein Film, ich bin die Schauspielerin. Mit dem Wort Puppe ist nicht gemeint, dass ich mich ausnutzen lasse oder unausgewogene Machtverhältnisse unterstütze. Ich finde es in diesem Beruf interessant, eine fremde Vision zu verwirklichen mit allem, was ich möglich machen kann. Und es kann dann zum Beispiel sehr inspirierend sein, eine Bewegung auszuführen, die man selbst so auf Anhieb gar nicht machen würde. Es geht darum, sich in dem Moment darauf einzulassen und sich selbst oder die Figur gleichzeitig nicht zu verraten. Für mich ist deshalb das Ausschlaggebende die Auswahl der Projekte und Projektpartner. Ich muss einem Regisseur oder einer Regisseurin vertrauen – Sabrina habe ich zu 100 Prozent vertraut.
Und wenn Sie spüren, eine Szene geht doch in die falsche Richtung?
Dann diskutiere ich darüber, solange ich der Meinung bin, dass es nötig ist zu diskutieren. Immer mit der Prämisse: Was ist das Richtige für die Figur? Was ist das Richtige für die Geschichte? Natürlich bin ich nicht total glücklich darüber, wenn Szenen mit mir aus dem Film geschnitten werden. Ich hab’ ja wie jeder ein Ego. Aber wenn Sabrina überzeugt ist, dass das der Film ist, den sie gestalten will, dann ist das so. Darüber zu entscheiden, ist nicht mein Part. Ich spiele.
Ist das vergleichbar mit einem Tanz? Der Regisseur gibt eine Choreografie vor, jeder Tänzer füllt sie anders aus?
Genau! In den Probenphasen testen wir ganz viel. Irgendwann habe ich die Figur, die ich spiele, in der Grundfarbe verstanden. Bei der Marie aus „Prélude“ wäre das vielleicht Blau. Die male ich die ganze Zeit, und dann kommt die Regisseurin oder der Regisseur und sagt: „Mach mal ein bisschen Hellblau und jetzt Türkis, da vielleicht etwas Königsblau.“ Das ist total toll.
Besteht nie die Gefahr, die Wachheit beim Spiel zu verlieren?
Absolut. Ich muss immer aufpassen, da zu bleiben, aktiv zu bleiben. Ich brauche den Austausch mit meinen Kollegen, möchte aber nicht komplett davon abhängig sein. Bei „Babylon Berlin“ hat Tom (Regisseur Tom Tykwer, Anm.d.Red.) einmal gerufen: „Leute, ich brauch’ hier ein bisschen mehr Diskurs!“ Das ist einer meiner absoluten Lieblingssätze von ihm. Dieser Diskurs hält wach. Er verhindert, dass jeder anfängt, nur Seines zu machen. Wir entwickeln doch einen Film gemeinsam! Ich würde noch viel mehr mit allen Departments zusammenarbeiten. Mit den Kameraleuten etwa. Die oder der guckt mich ja an.
Der Film handelt von Hingabe. Gibt es ein Zuviel an Ehrgeiz?
Ich finde, die Frage ist immer, woher der Ehrgeiz kommt. Aus einer Angst, nicht zu genügen, oder weil man Lust hat, sich zu entwickeln? Da muss man ehrlich zu sich selbst sein. Wenn einem eine Sache einfach gerade wichtig ist und man sich deshalb über die Maßen darum bemüht, ist das doch völlig in Ordnung. Wenn es auf einem Druck von außen fußt, wird es heikel. Doch das eine vom anderen zu unterscheiden, ist natürlich total schwierig. Wir sind ja alle in dieser Gesellschaft groß geworden und von dem Leistungsgedanken geprägt.
Was hilft Ihnen dabei, den Unterschied zwischen dem eigenen Bedürfnis und von anderen auf- gezwungenem Druck zu erkennen?
Der Kontakt mit anderen Menschen. Wenn ich viel drehe, bemühe ich mich, das privat auszugleichen. Durch Sport oder Spazierengehen und auf einer geistigen und emotionalen Ebene mit Familie und Freunden. Das lassen die Figuren in „Prélude“ alle nicht zu. Es wird kaum gesprochen. Ich glaube, das ist das Wichtige: dass man spricht und keine Angst davor hat, anderen mitzuteilen, dass es einem nicht gut geht oder dass man irgendwie diffus ist. Es ist ja für einen selbst oft nicht so einfach zu benennen, was gerade schiefläuft. Ich merke das meist erst retrospektiv und denke: In der Phase war ich etwas überlastet und erschöpft. Es gibt eine Spirale, die ist gefährlich. Deshalb sollte man sprechen – ruhig auch mit sich selbst.
Dann wird’s verrückt…
Na ja, man kann die eigenen Gedanken ja auch aufschreiben. Das Ziel ist, nicht immer alles in sich reinzuwurschteln. Und wenn man zu Hause mit sich spricht, ist es auch gar nicht so verrückt. (Lacht.)
Das Gespräch führte Katja Kraft.