Mit den Augen der anderen

von Redaktion

GESPRÄCH  Joana Osman über ihr Romandebüt und ihre Friedensarbeit

VON MELANIE BRANDL

„Frieden (…) ist nicht das, was passiert, wenn ein Krieg zu Ende geht. Frieden ist ein geistiger Zustand.“ Hochphilosophisch klingt das, was Joana Osman in ihrem Erstlingswerk „Am Boden des Himmels“ verkündet. Doch wenn man der 36-jährigen Münchnerin in ihrem Schwabinger Lieblingscafé gegenübersitzt, wird sofort konkret spürbar, was sie damit meint. Die Friedensforschung spreche von passivem und aktivem Frieden. Passiver Frieden sei die Abwesenheit von Krieg. Aktiver Frieden hingegen brauche die Mithilfe aller Betroffenen, erläutert sie lebhaft. „Die Basis dafür ist die Bereitschaft, sich als Mensch auf die andere Seite einzulassen, den Schmerz der anderen zu erkennen, ihre Geschichten anzuhören und die eigenen zu erzählen.“ Für Menschen in Konfliktsituationen sei das allerdings, gerade wenn diese Konflikte so lange andauern wie die im Nahen Osten, nicht einfach. „Viele sind dazu noch nicht bereit.“

Die Tochter eines palästinensischen Vaters und einer deutschen Mutter weiß, wovon sie redet. Bei einem Besuch ihrer väterlichen Familie, die im Libanon lebt, stand sie 2011 selbst hilflos an der Grenze zu Israel, um festzustellen, dass sie die Menschen auf der anderen Seite des Zaunes nicht einmal kennt. Sie beschloss, das zu ändern, und nahm Kontakt zu dem israelischen Grafiker Ronny Edry auf, der via Facebook mit seiner Seite „Israel loves Iran“ für Aufruhr sorgte, weil er ganz bewusst eine Kommunikation zwischen Israelis und den mit ihnen offiziell verfeindeten Iranern initiiert hatte. „Aus diesem ersten Kontakt zu Ronny entstand nicht nur eine fantastische Freundschaft, sondern unsere Bewegung Peace Factory, durch die wir bis heute via Internet Menschen auf der ganzen Welt verbinden. Und es funktioniert!“, strahlt Joana Osman. „Natürlich lösen wir damit nicht den Konflikt,“ schränkt sie sofort ein. „Das zu glauben, wäre naiv. Aber wenn immer mehr Menschen diesen Schritt gehen, der anderen Seite die Hand zu reichen, dann sind wir auf einem guten Weg.“

In ihrem Roman symbolisiert Malek Sabateen, ein junger Palästinenser, genau diese Grundidee – allerdings, ohne das eigentlich selbst anzustreben. Egal, wo er auftaucht, bewirkt er, dass sein Umfeld die Welt für einen Moment mit den Augen des Feindes sieht. Für die einen wird er damit zu einer Art Engel ohne Flügel, für die anderen zum gefährlichen Freiheitskämpfer, der plötzlich die Massen bewegt. Was genau Maleks Geheimnis ist, lässt Osman bewusst offen. „Malek ist eine Art Projektionsfläche: Jeder projiziert seine eigene Wahrheit auf ihn. Die einen sehen ihn als magische Lichtgestalt, die anderen als Terroristen, manche als Autisten mit spiritueller Begabung.“ Sie lacht verschmitzt. „Er ist alles oder nichts, das darf sich jeder Leser selber überlegen.“

Wichtig ist, dass Malek für eine Art Wunder steht, das Wirklichkeit werden kann, wenn Menschen miteinander reden und versuchen, sich auch einmal in die Situation des anderen zu versetzen. „Alle Menschen in Nahost haben unglaubliche Traumata erlitten. Da gibt es nichts schönzureden. Aber es hilft zu erkennen, dass es dem Gegenüber genauso geht.“ Kein Zufall also, dass Osman ihre Geschichte aus ganz unterschiedlichen Perspektiven erzählt: Eine palästinensische Journalistin will eine Story über „den Engel“ verfassen, ein israelischer Doktorand verliebt sich in sie, sein jüdischer Freund und Polizist kämpft gegen die engelbegeisterten Massen. „Ich wollte ganz bewusst auch beim Schreiben keine Position einnehmen, sondern einfach die individuellen Geschichten erzählen, die hinter den einzelnen Figuren stecken – unabhängig von Nationalität, Religion oder Beruf.“

Zusammen mit Edry gibt Osman mittlerweile auf der ganzen Welt Kurse zu den Themen Erzählen und Konfliktlösung. Natürlich stoßen sie dabei auch auf Skepsis. „Die Menschen haben Vorurteile, viele einfach nur Angst. Und manche versprühen unverhohlenen Hass. Die werden wir nie alle erreichen.“ Joana Osman zögert kurz, um dann überzeugt hinzuzufügen: „Aber jede Freundschaft ist ein kleiner Schritt. Und wenn viele Menschen solch einen Schritt gehen, ist vielleicht auch der größte Konflikt irgendwann lösbar.“

Joana Osman:

„Am Boden des Himmels“. Atlantik Verlag, Hamburg, 288 Seiten; 22,90 Euro.

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