Yasmina Reza wollte nicht. Eine Übersetzung ihres gefeierten Stücks „Der Gott des Gemetzels“ (2006) in Mundart? Ausgeschlossen. Es sei denn, es kommt ein freundlicher Bayer daher, der die französische Schriftstellerin per Brief bittet, doch eine Ausnahme zu machen. Johannes Rieder grinst. „Ich hätte selbst nicht gedacht, dass sie sich darauf einlässt.“ Er scheint die richtigen Worte in seinem Schreiben gefunden zu haben – denn kurze Zeit später rief Rezas Verlag an: die Autorin sei einverstanden, „Der Gott des Gemetzels“ in bairischer Sprache? Gehe in Ordnung.
Riesengroß die Freude bei Regisseur Rieder und vier befreundeten Schauspielern, die dieses Stück auf die Bühne bringen wollten. Weil es im Dialekt ihrer Meinung nach noch besser als auf Hochdeutsch funktioniert. Der Plot: Zwei Elfjährige haben sich geprügelt, ihre Eltern treffen sich – pädagogisch korrekt – zur Klärung des Streits. Verlieren aber im Laufe des Abends immer mehr die Contenance und alle hübsch vor sich hergetragene bürgerliche Kultiviertheit. Was als Schlichtungsgespräch gedacht war, endet im verbalen Gemetzel.
Für Rieders Spezl Sebastian Edtbauer ein gefundenes Fressen. Nach dem Okay der Autorin übertrug der gebürtige Chiemgauer die Komödie in seine Muttersprache. Vier Monate lang probten er, Ina Meling, Cornelia von Fürstenberg und Matthias Ransberger unter der Regie von Rieder immer dann und dort, wann und wo es gerade ging. „Guerillamäßig“, sagt von Fürstenberg und lacht. Knappe Kasse, kein fester Übungsraum – aber umso mehr Lust an dem Projekt bei allen Beteiligten. Weil sie sie satt hatten, die immer gleichen Theaterstücke, Filme und Serien aus der heimeligen Voralpenwelt. „Bei uns wird nicht das Klischee des ein bisschen einfach gestrickten Bayern in Krachlederner bedient, der auf seiner Alm sitzt und Wurstplatten an die Gäste verteilt“, betont von Fürstenberg. Wer in einer bayerischen Familie aufgewachsen sei, der wisse, dass auch hier nicht immer alles urgemütlich zugeht. Vor allem aber: „Intellekt und Dialekt widersprechen einander nicht. Genau das war der Anspruch vom Sebastian beim Übersetzen: Dass die gehobene Bürgerschicht ganz selbstverständlich Dialekt spricht.“ Deshalb sei das schönste Kompliment, das ihnen die Gäste nach den Aufführungen machen könnten, stets: „Ich hab’ beim Zuschauen den Dialekt gar nicht mehr wahrgenommen.“
Vor eineinhalb Jahren feierte die Truppe, die sich „Wirtshausmannschaft“ nennt, Premiere im Münchner Heppel & Ettlich. Seither geben sie regelmäßig Gastspiele überall in Bayern. Immer ausverkauft. Vor bunt gemischtem Publikum – von den Großstädtern bis zum in Tracht gekleideten Besucher vom Land. Berührt werden sie alle. „Weil Bairisch eine seelenvolle Sprache ist. Hochdeutsch hat so eine Schärfe und lässt wenig Spielraum zu. Das Bairische schon. Das kann super gschert sein und gleichzeitig sehr gewinnend“, findet Rieder. Von Fürstenberg nickt. „Das geht im Hochdeutschen nicht, dass du eigentlich etwas Brutales, Unverschämtes sagst – aber es frech, ja geradezu charmant herüberkommt.“ Übrigens auch für alle, die nicht im Freistaat geboren wurden. „Bisher hat es jeder verstanden“, betont Rieder. Dieses göttliche Gemetzel.
Die nächsten Vorstellungen
vom „Gott des Gemetzels – in bairischer Sprache“ finden am 6., 7. und 8. September, jeweils 20 Uhr, im Heppel & Ettlich in München statt; Karten unter 089/54 81 81 81.