„Alles hat das richtige Maß“

von Redaktion

INTERVIEW ZUM SIEBZIGSTEN  Peter Maffay über seinen neuen Lebensabschnitt

Peter Maffay, der am 30. August 1949 als Peter Alexander Makkay in Rumänien geboren wurde und 1963 mit seinen Eltern nach Bayern kam, hat in seiner Karriere mehr als nur eine Welt erschaffen. Das Reich des kleinen, grünen Drachen Tabaluga gehört dazu – aber auch sein eigenes, mehrere Gebäude umfassendes Anwesen in Tutzing am Starnberger See. Dort sitzt seine Stiftung für benachteiligte Kinder und Jugendliche. Dort hat er ein Studio, in dem er seine Musik produziert. Dort sprach er über seinen runden Geburtstag – und einiges mehr.

Sie werden 70 Jahre alt. Was für ein Zeitabschnitt ist das, der da jetzt für Sie beginnt?

Erdgeschichtlich ist ein 70. Geburtstag nicht wahnsinnig einschneidend. Aber für mich schon. Ich habe das Gefühl, die Pflicht ist erfüllt, und jetzt beginnt die Kür. Ich kann das gar nicht so genau definieren, aber nach 50 Jahren auf der Bühne kann ich mir vorstellen, dass da ab jetzt viel mehr Platz sein wird für Improvisation, für das Experimentieren – auch musikalisch.

Warum gab es diesen Platz vorher nicht? Warum haben Sie sich ans „Pflichtprogramm“ gehalten?

Es ist ja eine sehr angenehme Pflicht. Ich habe mir in meinem Leben, ehrlich gesagt, nichts Besseres vorstellen können, als so zu leben – mit Musik. Ich würde das auch jederzeit wieder so machen, wenn ich mich zu entscheiden hätte. Aber ich habe inzwischen das Gefühl, dass das alles rund ist und das richtige Maß hat und ich die Aufgabe, dieses Maß zu erreichen, nicht mehr bewältigen muss. Auch in der Stiftung sind wir an einem Punkt angekommen, an dem alles einigermaßen rund läuft. Jetzt geht es darum, die kommende Zeit mit Kreativität aufzufüllen und sich schöne Sachen einfallen zu lassen. Ein anderer Anlass ist meine kleine Tochter. Das ist auch ein völlig neuer Aspekt. Mein Sohn ist 15 – da habe ich einiges aus seinem ersten Lebensjahr schon vergessen.

Sie werden sich also vielleicht auch ein bisschen mehr Zeit nehmen für das Private und Ihre Tochter?

Ja. Die ersten 50 Jahre waren schon sehr rasant. Der Beruf hat alles überlagert, und zwar nicht zu knapp. Inzwischen besteht eigentlich nicht mehr wirklich eine Veranlassung, diese Hektik zu leben. Ich weiß ja, dass ich hier wider besseres Wissen rede und sich ein gewisser Druck ohnehin wieder aufbauen wird. Ich kam mit Druck eigentlich immer relativ gut zurecht. Aber ich muss auch zugeben, dass es Phasen gab, in denen es mir selber zu viel war.

Der Titel „Morgen“ auf Ihrem Album ist fast schon brachial politisch – mit warnenden Bildern von Adolf Hitler im Musikvideo. Sie sind ja nicht unbedingt als unpolitischer Mensch bekannt, aber warum jetzt so explizit?

Ja, so hart hatten wir das eigentlich noch nie. Aber es ist ja inzwischen nicht ungewöhnlich. Man sieht das beispielsweise auch bei Rammstein und anderen Leuten, die die Plattform Musik benutzen, um sich zu artikulieren in  gesellschaftlicher und politischer Weise. Es ist nun mal die Realität. Wir zeigen keine erfundenen Bilder. Die Aneinanderreihung verdeutlicht, mit welcher Skala von Themen, Konflikten und Erosionen wir es zu tun haben. Wenn man an die kommenden Generationen denkt und unter welchen Umständen sie leben werden, dann stellt sich da zwangsläufig eine Mega-Aufgabe. Aber ich bin Gott sei Dank bei Weitem nicht der Einzige, der solche Sachen anrührt oder berührt. Wenn man nach 50 Jahren ein neues Album macht, dann kann man mit Blabla rausgehen – oder man positioniert sich. Ich denke, dass wir dieses gesellschaftliche System, in dem wir das Glück haben zu leben, bewahren und beschützen müssen. Und dafür ist es nötig, dass man sich dazu bekennt und dass man diesen Erosionen nicht nachgibt. Das ist wie mit Rost, der sich schleichend festsetzt. Den muss man permanent entfernen und bekämpfen.

Das Gespräch führte Britta Schultejans.

Konzerte:

Peter Maffay stellte gestern sein neues Album „Jetzt!“ (Sony Music) vor. Im nächsten Jahr gehen er und seine Band auf Tour zum 50-jährigen Bühnenjubiläum. In München spielen sie am 20. März in der Olympiahalle; Karten unter 089/ 54 81 81 81.

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