Das ergebnislose Hin und Her der endlosen Brexit-Debatte scheint langsam aber sicher selbst den patriotischsten Briten auf den Magen zu schlagen. Und so wundert es kaum, dass sich sogar das „Gespenst von Canterville“ nun eine kleine Auszeit von der abtrünnigen Insel gönnt und seine Sommerresidenz im Schloss Nymphenburg bezieht, wo ihm die Kammeroper Asyl gewährt. Nach Rossini, Haydn und Mozart heuer wieder einmal eine Eigenkreation des Ensembles, basierend auf der Erzählung von Oscar Wilde.
Herausgekommen ist dabei eine Komische Oper mit Musical-Zügen. Denn der von Wilde bissig parodierte Zusammenprall der Kulturen spiegelt sich in der Bearbeitung von Regisseur Dominik Wilgenbus musikalisch. Purcell, Dowland und Co. für den aus der Zeit gefallenen Geist, während die US-amerikanische Familie, die ins Schloss einfällt, zu Gershwin-Melodien trällert. Und das in stimmigen Arrangements von Alexander Krampe, der beide Welten für das kompakte Orchester zurechtbiegt und zu einer homogenen Partitur vereint; nicht zuletzt, weil Dirigentin Johanna Soller den rechten Tonfall findet. Da darf sich unter anderem das Elternpaar mit dem umgetexteten Al-Jolson-Schlager „Swanee“ streiten, während der Nachwuchs zur „Rhapsody in Blue“ das Schloss unsicher macht. Wobei vor allem Elisabeth Freyhoff und Jakob Schad als stimmstarkes Zwillingspärchen Leben in die Bude bringen.
Dass man als Kontrast zu diesen unterhaltsamen Eskapaden das Tempo im zweiten „dunklen Teil“ bewusst herausnimmt, hätte nach hinten losgehen können. Doch da schlägt die große Stunde von Titelheld Thomas Lichtenecker, dessen Stimme sich harmonisch mit dem klar geführten Sopran von Flore van Meerssche vereint, die als unschuldige Virginia seiner gequälten Seele Erlösung bringt. Lichtenecker lässt in den melancholischen Gesängen des umherirrenden Sir Simon selbst bei tiefster Resignation immer noch einen Funken Hoffnung mitschwingen und seinen angenehm timbrierten Countertenor mit perfekter Atemkontrolle geschmeidig durch Purcells weit ausschwingende Phrasen gleiten. Eine kongeniale Partnerin ist ihm Viola von der Burg als verschrobene Hausdame, die mit britischem Humor und hinreißend blasierter Mimik durch den Abend führt. Allein die Blicke, die sie mit ihrem untoten Herren wechselt, sagen da oft mehr als tausend Worte und treffen gerade deshalb die Essenz der Wilde-Vorlage zu einhundert Prozent.
Nächste Vorstellungen
morgen, 1., 4., 5., 7. September, Hubertussaal; Karten: 089/452 056 121.