Auf dem Buchcover stehen zwei Autorennamen. Cornelia Funke und Guillermo del Toro. Sie Bestsellerautorin („Tintenherz“), er Oscar-Preisträger („Shape of Water“). Sie 60, er 54 Jahre alt. Doch beide übervoll von kindlicher Fantasie.
Es verwundert nicht, dass die Deutsche und der Mexikaner die Arbeiten des jeweils anderen schätzen, einander Inspiration sind. Und es ist ein großes Glück, dass sie sich nun zusammentaten. Für ein Buch, das jugendliche Leser für einige märchenhafte Stunden von Handy und Computer wegtreiben wird. Versprochen!
Geschrieben hat „Das Labyrinth des Fauns“ Funke. Doch dabei ließ sie sich inspirieren von del Toros Kino-Hit „Pans Labyrinth“ (2006). Ein Lieblingsfilm der Autorin, seit Jahren hängt das Kinoplakat im Schreibzimmer der Wahl-Kalifornierin. Spätestens seit sie dem so verehrten Regisseur eine spanische Ausgabe ihrer „Tintenwelt“ für seine Kinder geschickt hatte, war auch er ein Bewunderer von Funkes Kunst. So sehr, dass er sie bat, eine Romanfassung von „Pans Labyrinth“ zu schreiben. „Die Aufgabe wurde eines meiner aufregendsten kreativen Abenteuer“, sagt Funke.
Es ist exakt die Geschichte des Films: Das Mädchen Ofelia flüchtet sich in den gewaltsamen Zeiten des spanischen Faschismus 1944 in ihre Märchenwelt. Bildet sich einen Faun ein, der in ihr eine lange verschollene Prinzessin aus einer Welt unter der Erde erkennt. Es wäre freilich ketzerisch, zu behaupten, das Buch sei besser als der Film. Doch dies darf man auch als del-Toro-Fan feststellen: Funke gelingt es, dessen Drehbuch eine zweite Ebene hinzuzufügen. Noch mehr Tiefgang, noch mehr Poesie.
Der Schriftstellerin kommt dabei die schönste Eigenheit des Mediums Buch zugute: Wie das so ist mit Erzählungen – im eigenen Kopf entstehen die fantastischsten Bilder. Die Fantasie ist grenzenlos, wo jeder Film zwangsläufig Grenzen hat.
Deshalb ist auch dieses wie alle ihre Bücher eine Hommage ans Lesen selbst. Das Mädchen Ofelia hat erkannt, welch zauberhafte Kraft die Geschichten in sich tragen, in denen sie so gern verschwindet. „Sie konnten Fenster und Türen sein, Flügel aus Papier, die einem halfen, davonzufliegen.“ Im Film trägt Ofelia einen Stapel Bücher mit sich. Auch als sie mit ihrer Mutter in ihrem neuen Zuhause, einer alten Mühle in einer Berggegend ankommt, in die der brutale Capitán Vidal abkommandiert wurde. Er soll die unterlegenen Revolutionäre ausmerzen, die aus den Bergen heraus Widerstand gegen Francos Militärs leisten. Dieser Vidal ist der neue Mann von Orfelias Mutter. Sie verlangt von dem Mädchen, ihn „Vater“ zu nennen. Ihr echter Vater ist tot. Funke hat die Filmfiguren genau beobachtet. Und wenn Orfelia also in einer Szene dem verhassten Vidal entgegentritt, beschreibt Funke das treffend inklusive psychologischer Deutung: „Ihre Bücher gegen die Brust gepresst wie einen Schild aus Papier und Worten.“ Bücher als Schutz, als Halt in allen Lebenslagen. Oder wenn der Capitán – das Mädchen nennt ihn „Wolf“ – von der hochschwangeren Mutter erwartet, sich in einen Rollstuhl zu setzen. Dann verdeutlicht die Autorin, was der Zuschauer so nur bei genauem Hinschauen erkennt: „Sie saß wieder in dem Rollstuhl, als hätte der Wolf ihre Füße gestohlen. Er hatte sie zum Krüppel gemacht. Früher hatte sie in der Küche getanzt, wenn sie kochte.“
Das Schönste aber sind die zehn Märchen-Episoden, mit denen Funke die Geschichte anreichert. Alle beginnend mit einer Zeichnung von Allen Williams. Das ist zauberhaft, manches Mal brutal. Doch gerade hierin liegt ja die hohe Qualität aller ihrer Bücher: Cornelia Funke nimmt ihre jungen Leser ernst; und traut ihnen zu, die Welt so zu sehen, wie sie ist. Klug erinnert sie daran, trotz allem Schrecklichen darin immer an einer Tugend festzuhalten. Der „Tugend, die in Zeiten der Verzweiflung die kostbarste ist: Hoffnung“.
Cornelia Funke/ Guillermo del Toro:
„Das Labyrinth des Fauns“. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 318 Seiten; 20 Euro.