Der Seher

von Redaktion

NACHRUF Der Fotograf Peter Lindbergh ist im Alter von 74 Jahren gestorben

VON KATJA KRAFT

Die Kamera-Marke? Völlig egal. „Ob das jetzt eine Leica ist oder eine Nikon oder weiß der Himmel was, spielt keine Rolle. Ich hab’ da noch nie drauf geachtet. Ich nehme die aus dem Schrank raus und fange an, Fotos zu machen.“ Duisburger Pragmatismus. Peter Lindbergh hat ihn auch nach so vielen Jahren in Paris nie abgelegt. Diese sympathisch zupackende Arbeiter-Mentalität. Nich’ lang schnacken – machen. Damit wurde er zu einem der größten Fotografen des 20. und 21. Jahrhunderts. Am Dienstag ist er im Alter von 74 Jahren gestorben.

Wer wissen möchte, wie ein Mensch tickt, der frage die, die mit ihm gearbeitet haben. Lindbergh hatte sie alle. Von Jane Fonda bis Brad Pitt, von Pina Bausch bis Tina Turner, von Jacinda Ardern bis Greta Thunberg. Und jeder sagt das Gleiche: Bei ihm fühlte man sich wohl vor der Linse. Er war stets darum bemüht, es allen am Set so angenehm wie möglich zu machen.

Auch das reiner Pragmatismus? Nach dem Motto: Wer zufrieden ist, schaut besser aus. Oder war er schlichtweg ein echter Menschenfreund? „Menschenfreund!“, betonte der Fotograf vor zwei Jahren beim Gespräch mit unserer Zeitung. Da kam er nach München, wo ihn die Kunsthalle mit einer Ausstellung ehrte. Der Titel: „From Fashion to Reality“. Denn der Begriff Modefotograf greift ja viel zu kurz. Ihm gelang es, über 40 Jahre lang Porträts zu zaubern, die wie aus dem Moment gegriffen wirken. Privaten Schnappschüssen gleich, bestechend durch ihren Mut zur Unvollkommenheit. Und das im Bereich der Haute Couture, der Spitze der Oberflächlichkeit. „Der Stand von Schönheit heute ist, jeden Menschen auf Null zu reduzieren“, echauffierte sich der Künstler in München. Schuld seien die Bildbearbeitungsprogramme. „Seitdem es die gibt, bemühen sich Modefotografen darum, bloß jeden Gedanken eines Menschen auszulöschen, der sich in dessen Gesicht manifestiert hat. In Bezug auf das Schönheitsideal von Frauen sind wir völlig auf den Hund gekommen.“

Weichzeichner, Aufheller – als Lindbergh anfing, gab es all das nicht. Da hieß er noch Peter Brodbeck, so der Name, den ihm seine Eltern nach der Geburt am 23. November 1944 im heute polnischen Lissa gaben. Aufgewachsen ist er – unüberhörbar – in Duisburg. Der Vater Handelsvertreter, die Mutter Hausfrau. Und Peter? Zieht es schon früh in die Welt des schönen Scheins. Nach der Volksschule wird er Schaufensterdekorateur, geht mit 18 für Abendkurse an die Kunstakademie nach Berlin. Studiert an der Kunsthochschule Krefeld. Ehe es Klick macht – im wahren Sinne des Wortes. Mit 27 entscheidet er sich gegen den Pinsel und für die Kamera. Zwei Jahre arbeitet er als Assistent des Düsseldorfer Fotografen Hans Lux. Nennt sich selbst Lindbergh. Ein Name wie ein Versprechen. Der junge Mann will hoch hinaus. Denn das Pseudonym ist Anspielung auf Charles Lindbergh, den großen US-amerikanischen Piloten.

Eine von Lindberghs bekanntesten Bilderserien ist „White Shirts“. Für die amerikanische „Vogue“ sollte er 1988 die sechs Supermodels Estelle Lefébure, Karen Alexander, Rachel Williams, Linda Evangelista, Tatjana Patitz und Christy Turlington am Strand von Malibu ablichten. Der selbstbewusste Deutsche, der damals schon seit zehn Jahren in Paris lebte, wies die Stylistin an, die Frauen in nichts als weiße Männerhemden und weiße Slips zu hüllen. Für ein Modemagazin wohlgemerkt. Die Amerikaner wussten nichts anzufangen mit diesen heute ikonischen Bildern. Stattdessen druckten die Kollegen der britischen „Vogue“ die Fotos. Erst Jahre später sollten sie zu den wichtigsten der Modefotografie gewählt werden.

Was ist Schönheit? Lindbergh, der Pragmatiker, überlegte bei dieser Frage nicht lange. „Wenn man die Courage hat, so zu sein, wie man ist, dann ist man schön. Echtsein ist Schönheit.“

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