Kunstbuch ist Champions League

von Redaktion

Wie ein Museumskatalog entsteht, den die Auftraggeber und Leser lieben

VON SIMONE DATTENBERGER, FOTOS: SIGI JANTZ

Wenn der Besucher im Laden des Franz Marc Museums in Kochel am See den neuen Sammlungskatalog nur in die Hand nimmt, weiß er, genauer: fühlt er, dass das ein besonderes Buch ist. Wann spürst du noch feines Leinen? Ein Leinen, das dich sogleich an die Leinwand des Gemäldes erinnert, das du eben erst bewundert hast: Marcs Pferdegruppe, die in einer Aue steht. Natürlich ziert dieses Werk den Buchumschlag. Zum Zehn-Jahre-Jubiläum hat sich das Museumsteam mit einer Gruppe von Studenten um Direktorin Cathrin Klingsöhr-Leroy die Aufgabe vorgenommen, 100 Bilder aus der eigenen Schatzkammer in einem Bildband neu zu präsentieren – schließlich hat sich das Haus in der Wahlheimat Marcs gehörig weiterentwickelt. Ein Standardwerk sollte entstehen.

Aber wie verwandeln sich die Ideen der Kunsthistoriker in ein Buch? Und wie kommen Museum und Verlag zusammen? „In der Regel gibt es eine öffentliche Ausschreibung“, sagt Thomas Zuhr, Chef des so traditionsreichen wie renommierten Münchner Hirmer Verlags. Er erhielt den Auftrag für den Sammlungskatalog des Marc-Museums, der mindestens für die nächsten zehn Jahre Gültigkeit behalten sollte. Diese Zielsetzung trug das Museum an die Experten von Hirmer heran. Soll es ein Überformat geben? Zuhr erklärt, dass heutzutage „der Trend zu kleineren Formaten geht. Auch das Kunstbuch soll bequem zu lesen sein.“

Dann geht’s weiter. Projektmanagerin Jutta Allekotte und Gestalterin Sabine Frohmader sprechen immer und immer wieder Format und Umfang, Typografie, Layout, Prägung, Materialien wie Vorsatz- und Inhaltspapier, Farben oder Bildauswahl mit dem Kunden ab. „Frau Klingsöhr-Leroy ist sehr bibliophil“, berichtet Allekotte. „Mit ihr Bücher zu machen bringt richtig Spaß. Sie hat tolle Einfälle.“ Darüber hinaus wichtig für die Profis: „Sie denkt vom Buch und vom Leser her, und das merken die Besucher und Käufer im Museum. Bei ihr ist alles stimmig.“

„Leser“ und „Käufer“ sind die Stichworte für den Verlagschef, denn die Kundschaft muss die Bücher lieben lernen. „Und da wird die Haptik mehr und mehr ein Thema“, betonen Zuhr und auch Buchgestalterin Lucia Ott. Für den Sammlungsband entschied man sich neben dem Leinen außerdem für Prägedruck auf dem Cover für den Titel. Mit diesen sinnlichen Phänomenen spricht Hirmer bewusst die Zielgruppe des Kunsthauses am Kochelsee an: „den klassischen Museumsbesucher“. „Wir beraten, bestärken und realisieren“, beschreibt Thomas Zuhr die Verlagsarbeit. Schließlich müssen die Kunsthistoriker und das Publikum zufrieden sein. Da kann es aus Sicht des Verlagsleiters Differenzen geben – etwa bei ausgefallenen Designwünschen, die Leser geradezu abschrecken.

Das Hirmer-Team sorgt dafür,  dass das Museum möglichst realitätsgetreu sieht, wie der Katalog am Ende ausschauen wird. Dazu gibt es Simulationen und Musterdecken, gewissermaßen die echten Buchdeckel und -rücken. Während dieses Prozesses wird als Zwischenschritt schon mal mit sogenannten Proofs der Druck simuliert, um die Farben zu testen und zu überprüfen, ob sie mit den Gemälden übereinstimmen. „Kunstbuch ist Champions League“, sagt Zuhr stolz und erklärt, dass man immer beste Qualität in Redaktion, Farbwiedergabe und Gestaltung für vernünftige Kosten pünktlich zur Ausstellungseröffnung bieten müsse. Es komme vor, dass sich Museumsleute „in eine bestimmte Papierqualität verlieben. Aber es macht allerhand aus, ob ein Vorsatzpapier zehn Cent kostet oder 1,20 Euro.“ Zahlreiche Museen hätten gedeckelte Budgets, wünschten sich für ihre Bücher jedoch viel Text und noch mehr Bilder. „Man muss aber auf dem Teppich bleiben“, denn seit Jahren sei bei den Käufern die Preisschwelle von maximal 40 bis 50 Euro für ein großes Kunstbuch gleich geblieben.

Interessant ist auch, dass Kunstbücher digital überhaupt „nicht gehen“ – womit wir wieder bei der Sinnlichkeit des Buches wären. „Es wird im Grunde wie vor 100 Jahren hergestellt – Papier, Fadenheftung, Knochenleim“, erklärt Thomas Zuhr. Was er für die Buchproduktion ebenso unterstreicht, ist, dass die modernen Maschinen ein optimales Qualitäts- und Effizienzniveau erreicht hätten. Eine Verbesserung sei nicht mehr nötig. Der Hirmer Verlag selbst lässt vor allem in Süddeutschland drucken und binden.

Die feine Materialität geht in  „Franz  Marc  Museum – Die Sammlung“ eine Symbiose ein mit dem Konzept von Klingsöhr-Leroy und Claudia Kreile vom Museum sowie mit dem Grafikdesign von Frohmader vom Verlag. Durch ungewöhnlich viele Schmuckseiten ganz zu Anfang des Buchs wandelt der Besucher den Hang hinauf zu dessen Skulpturen, zum Museum, blickt zurück auf den See, beäugt Alt- und Neubau, begibt sich ins Innere des modernen Hauses – und des Bildbands. Damit ist die Zielsetzung des Marc-Museums klar: das Zusammenspiel von Kunst und Natur. Danach werden Geschichten erzählt: von 100 ausgewählten Bildern  und  von   den Menschen – den Schöpfern und Sammlern.

Franz Marc Museum,

Di.-So. 10-18 Uhr; ab November bis 17 Uhr: Die Schau über die Sammlung „100 Werke – Neuer Blick“ läuft noch bis 6. Oktober; Franz-Marc-Park 8-10; Telefon 08851/92 48 80; Sammlungskatalog, Hirmer Verlag: 28,90 Euro.

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