Der richtige Riecher

von Redaktion

Kent Nagano dirigiert Schostakowitschs „Die Nase“ in Hamburg

VON TOBIAS HELL

Was hat sich der gerade mal 22-jährige Schostakowitsch damals nur für ein Sujet für seine erste Oper „Die Nase“ ausgesucht? Kein Königsdrama oder Liebesdreieck, kein Märchen. Stattdessen ein Antiheld wie aus dem Bilderbuch. Oder besser gesagt: aus Nikolai Gogols gleichnamiger Erzählung, in welcher der Kollegienassessor Kowaljow verzweifelt jenem titelgebenden Riechorgan nachjagt, das eines Morgens einfach so aus seinem Gesicht verschwunden ist und fortan ein reges Eigenleben in der St. Petersburger Gesellschaft führt. Und schließlich sogar zum Staatsrat aufsteigt.

Ein absurder Reigen, der zum Saisonstart an der Hamburger Staatsoper in kurzweiligen 100 Minuten vorbeirauscht. Das liegt einmal an Regisseurin Karin Beier, die das Geschehen in teils kafkaesk anmutende Bilder verpackt und bei den rasanten Szenenwechseln nicht nur die Drehbühne ständig in Bewegung hält. Die Intendantin des benachbarten Schauspielhauses wagt sich hier nach längerer Abstinenz wieder einmal ins Musiktheater, verlegt die Handlung von der Zaren- in die Sowjetzeit und motiviert ihr Ensemble dabei zu Höchstleistungen.

Zuverlässiger Partner ist ihr Kent Nagano am Pult. Der ist zwar nicht unbedingt der Mann fürs Komödiantische, sehr wohl jedoch für das Abgründige der Partitur. Was in diesem Falle nicht schadet, da es vom Komponisten durchaus beabsichtigt ist, dass einem das Lachen oft im Halse stecken bleibt. Trotz analytischem Blick auf orchestrale Details verliert der Generalmusikdirektor, früher in gleicher Funktion an der Bayerischen Staatsoper, die Bühne nur selten aus dem Auge und findet gerade für jene Szenen, in denen Beier Kritik an den Wirkungsweisen totalitärer Systeme übt, den richtigen Tonfall. Zu großer Form läuft Nagano vor allem in den Zwischenspielen auf. So etwa gleich im aggressiven Intermezzo des ersten Aufzugs, nach dem sich auch die auf der Bühne postierten Schlagzeuger ihren verdienten Szenenapplaus abholen dürfen.

Gesungen wird in Hamburg in der deutschen Übersetzung von Ulrich Lenz, die mit Anklängen an „Fake News“ und „Lügenpresse“ aktuelle Züge anbringt. Die ebenso groteske wie zeitlose Geschichte hätte das nicht zwingend gebraucht. Nur halb so gut wäre der Abend allerdings ohne Bariton Bo Skovhus, der nach Kreneks „Karl V.“ in München nun als Kowaljow ein weiteres Mal seinen Ruf als Mann fürs sperrige Repertoire untermauert und eine grandiose Vorstellung liefert. Einer, der den lockeren Konversationston ebenso beherrscht wie die großen dramatischen Ausbrüche und als agiler Sängerschauspieler selbst dann noch gute Figur macht, wenn er gemeinsam mit dem Tanzensemble ein paar flotte Schritte aufs Parkett legt.

Den „Titelhelden“ gibt es hier nämlich doppelt. Wobei Bernhard Berchtold dem Tänzer Sean Nederlof seinen höhensicheren Tenor leiht. Zum Glück ruht der Abend aber nicht allein auf den Schultern dieses Trios. Auch Ensemblemitglieder wie Hellen Kwon oder Peter Galliard bekommen reichlich Gelegenheit, um in kleinen humorvollen Episoden zu glänzen. Nicht zu vergessen die Bass-Fraktion, die durch Stefan Sevenich und Levente Páll als Gast vom Gärtnerplatz bestens repräsentiert wird, die beide in mehrere Rollen schlüpfen und ihre stimmliche wie darstellerische Wandlungsfähigkeit beweisen dürfen. So besetzt, würde man Schostakowitschs doppelbödigem Jugendwerk gerne öfter auf deutschen Bühnen begegnen.

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