Das Filmfest Venedig endet mit gleich mehreren Paukenschlägen. Denn mit den Entscheidungen, die die Jury am Samstagabend verkündete, hatten wohl nur wenige gerechnet: Der Goldene Löwe für den besten Film geht an den düsteren Psychothriller „Joker“, in dem Regisseur Todd Phillips von der Gewaltspirale eines psychisch kranken Mannes erzählt. Für noch mehr Diskussionen wird aber die Auszeichnung für „J’accuse“ von Roman Polanski sorgen. Sein historisches Drama um einen Justizskandal gewann den Großen Preis der Jury, die zweitwichtigste Trophäe.
Tatsächlich blieb „Joker“ (deutscher Kinostart: 10. Oktober) als einer der intensivsten und verstörendsten Filme im diesjährigen Wettbewerb in Erinnerung. Joaquin Phoenix (44) spielt darin auf herausragende Weise Arthur Fleck, einen einsamen und tieftraurigen Mann, der unter schweren psychischen Störungen leidet. Seine Mitmenschen ignorieren ihn oder verhöhnen ihn – bis der Frust mit aller Gewalt aus ihm hervorbricht. Plötzlich ist er nicht nur gefürchtet, sondern wird als Symbol der unterdrückten Bevölkerung gefeiert. Aus Arthur Fleck wird langsam der gefürchtete Joker: der Erzfeind von Batman.
So bekannt diese Figur des Jokers aus zahlreichen Comics und Filmen auch ist, so neu ist diese Geschichte, die Regisseur Phillips hier entwirft. Schließlich war zur Entstehung des Bösewichts kaum etwas bekannt, und diese Freiheiten nutzt Phillips für eine atmosphärische und packende Inszenierung. Trotz der Euphorie gibt es aber auch Kritik am Film: Er verherrliche und zelebriere Gewalt, finden einige. Das sah Jurypräsidentin Lucrecia Martel anders: „Es ist eine sehr wertvolle Reflexion über Antihelden“, sagte die argentinische Regisseurin nach der Preisverleihung. „Die Feinde sind nicht die Männer, sondern das System.“
Der Erfolg für „Joker“ könnte von einer anderen Jury-Entscheidung in den Hintergrund gedrängt werden. Die Auszeichnung für Polanskis „J’accuse“ (Kinostart noch offen) dürfte die Debatte um den Regisseur weiter befeuern. Immerhin wird dem französisch-polnischen Filmemacher sexueller Missbrauch vorgeworfen. Im Kern geht es dabei um angeblichen Sex mit einer Minderjährigen in den Siebzigerjahren. Im Zuge der #MeToo-Bewegung hatte der Fall wieder mehr Aufmerksamkeit bekommen, auch die Einladung in den Venedig-Wettbewerb sorgte für Aufregung.
Letztlich erkannte die Jury aber, dass sie Roman Polanski bei der Preisvergabe nicht ignorieren konnte – schließlich gehörte „J’accuse“ zu den besten Werken im Wettbewerb: Langsam und konzentriert erzählt Polanski von der Dreyfus-Affäre in den 1890er Jahren, offenbart ein System voller Lügen, Antisemitismus und Vertuschung. Die Jury habe nur den Film selbst bewertet, betonte Präsidentin Martel.
Auch mit den anderen Preisen zeichnete die Jury Werke aus, die eine besondere eigene Handschrift trugen. Der Schwede Roy Andersson, der mit dem melancholischen „About Endlessness“ (ab 12. März 2020 im Kino) in strengen Kompositionen über die menschliche Existenz reflektiert, gewann den Silbernen Löwen für die beste Regie. Und der in Hongkong lebende Yonfan kreierte mit dem Animationsfilm „No. 7 Cherry Lane“ (Filmstart 26. September) eine stimmungs- und kunstvolle Liebesdreiecksgeschichte und durfte über den Preis für das beste Drehbuch jubeln.
Andere Favoriten hatten hingegen das Nachsehen. Das chilenische Drama „Ema“ um eine unabhängige, junge Frau ging genauso leer aus wie die deutsche Koproduktion „The Perfect Candidate“ (beide laufen bereits) über den Kampf für mehr Frauenrechte in Saudi-Arabien. Auch die Werke des Streaminganbieters Netflix wurden von der Jury komplett übergangen, darunter das Scheidungsdrama „Marriage Story“ mit Scarlett Johansson und Adam Driver (Start 6. November). Überhaupt hatten gerade die US-Produktionen für viel Glamour beim Festival gesorgt und mit Brad Pitt, Meryl Streep, Robert Pattinson und Johnny Depp viele Stars auf den roten Teppich gebracht.
Nun bleibt noch der Blick nach vorn. Denn das Filmfestival hat sich in den vergangenen Jahren als wichtige Plattform für mögliche Oscar-Kandidaten etabliert. Viele Filme, die in Venedig Premiere feierten, gewannen später die Trophäe, darunter „Roma“, „La La Land“ und „Shape of Water“. Mit Werken wie „Joker“ oder „Marriage Story“ ist es wahrscheinlich, dass sich diese Tradition auch in diesem Jahr fortsetzt.