So viel Idyllik ist von Anfang an verdächtig: In einer romantisch abgelegenen alten Mühle wohnt und wirkt seit Jahrzehnten der einstmals leidlich berühmte Maler Günter Greilach samt Künstlergattin Natascha. Diese trifft sich meist mit Künstlergattin Jutta und anderen Freundinnen im nahe gelegenen „Städtchen“. Da sitzen und tratschen sie dann in der Eisdiele direkt neben der „Plätscheranlage“, wie Nataschas Mann verächtlich den Brunnen nennt, den sein einstiger Freund Hans entworfen hat, dieser kraftlose Epigone und Intrigant. Denn eigentlich war die Stadt ja an Günter mit dem Brunnen-Auftrag herangetreten.
Dass das vermeintlich so hehre, vergeistigte Künstlermilieu nicht weniger von Neid, Konkurrenzdenken und Karrierestreben beherrscht wird als beispielsweise die Finanzbranche, ist nur eine der desillusionierenden Einsichten, die Jan Peter Bremer (Jahrgang 1965) in seinem Roman „Der junge Doktorand“ auf der Palette hat. Diese ebenso tragische wie urkomische Satire malt außerdem mit großer psychologischer Genauigkeit aus, wie nicht nur Künstler, sondern wir alle oft Hoffnungen, Wünsche, Erwartungen auf andere Menschen projizieren und dabei auf groteske Weise jeden Bezug zur Realität verlieren.
Denn als der abgehalfterte Künstler den Brief eines Doktoranden erhält, der seine Dissertation über Greilachs Werk schreiben und ihn deshalb besuchen möchte, wittert das Ehepaar Morgenluft. Der Maler, eine groteske Mischung aus Ego-Monster und armem Würstchen, sieht in dem sehnsüchtig erwarteten Jungwissenschaftler den kundigen Bewunderer, der dem ewigen Ruhm und der unüberschätzbaren Bedeutung Greilachs eine akademische Basis liefern wird. Ja, der Künstler träumt sogar davon, die wissenschaftliche Arbeit über sich selbst gemeinsam mit dem jungen Doktoranden zu verfassen – freilich so, dass dieser es gar nicht bemerkt, wie ihm eigentlich Greilach die Feder führt.
In Nataschas Vorstellung wiederum ist der Wissenschaftler eine Mischung aus versorgungsbedürftigem Kind und strahlendem Ritter, der sie, einfach durch seine bloße Präsenz, aus ihrer Einsamkeit und Ehehölle erlösen wird. Wenn sie seine wiederholten Verschiebungen des Besuchstermins vor ihrer lauernden Freundin Jutta begründen muss, phantasiert sie abenteuerlichste Geschichten zusammen. Der Doktorand habe am königlichen Reitturnier in Spanien teilgenommen und sei dabei so unglücklich vom Pferd gestürzt, dass er für längere Zeit ins Krankenhaus musste. Dort habe er eine bildhübsche spanische Krankenschwester kennengelernt – und prompt geheiratet, was sein erneutes Ausbleiben erkläre.
Was passiert, als der junge Mann mit zweijähriger Verspätung dann doch noch in der Mühle erscheint, sei aus Gründen des Pointen-Schutzes hier nicht verraten. Erwähnen darf man hingegen, dass Bremers Roman auch deshalb so großes Lesevergnügen bereitet, weil er gerade in seiner Eigenständigkeit entfernt an Loriot (die Dialoge) wie auch an Thomas Bernhard mit seinem bohrenden, obsessiven Sprachgestus denken lässt. Auf jeden Fall ist es mehr als verdient, dass der Roman auf die Longlist des Deutschen Buchpreises kam. Mit seinem herrlich absurden und zugleich erschreckenden Witz unterscheidet er sich wohltuend von der bierernsten Ironieferne so vieler anderer Neuerscheinungen. Worüber wir bei diesem Buch lachen, das sind natürlich wir selbst in unserem Erfolgs- und Überlegenheitswahn, dem man in der Konkurrenzgesellschaft kaum entgehen kann.
Jan Peter Bremer:
„Der junge Doktorand“. Berlin Verlag, München/
Berlin, 176 Seiten; 20 Euro.