Keine Verneigung vor dem Denkmal

von Redaktion

ZUM 250. GEBURTSTAG  Igor Levits CD-Box mit allen Klaviersonaten Beethovens

VON MARKUS THIEL

Wie kann man nur so dreist sein? Die CD-Karriere starten mit Beethovens letzten Klaviersonaten, mit jenen letzten Worten des Schöpfers auf und zu seinem Lieblingsinstrument, vor denen Solisten und Hörer gern erschauern? 2013 ist das passiert, und Igor Levit war damals 26 Jahre jung. Nicht die Chuzpe erstaunte seinerzeit, sondern die Reife, mit der er zum Beispiel die wahnwitzige, maßlose „Hammerklavier-Sonate“ durchdrang – mal ganz abgesehen von den rein manuellen Fertigkeiten. Was für ein Karriere-Auftakt. Und was für ein Versprechen.

Dieses hat Levit nun eingelöst. Rechtzeitig zum Beethoven-Jahr 2020, in dem die Musikwelt den 250. Geburtstag des Bonner Wieners feiert, ist Igor Levits CD-Box mit den kompletten Sonaten erschienen. Die Silberscheiben Nummer acht und neun sind eine Wiederauflage von 2013, der Rest ist, ganz einfach ausgedrückt, Referenz. Und dokumentiert, wie sich Levits Beethoven-Zugriff auch gewandelt hat. „Schuld“ daran sind die vielen Live-Einsätze, bekanntlich hat er im Münchner Prinzregententheater einen solchen Zyklus im vergangenen Mai beendet. Aufgezeichnet wurde das meiste der Box in einem historischen Reitstadel im oberpfälzischen Neumarkt,  der inzwischen zu einem der beliebtesten „Studios“ avancierte.

Und nun vergessen wir mal alles Raunen vom „Neuen Testament“ der Klaviermusik, von dem Beethovens Sonaten gern begleitet werden. Wenn es denn ein gemeinsames Thema dieser Interpretationen gibt, einen Nenner, dann ließe sich der ex negativo definieren. Also: keine Verneigung vor marmornen Denkmälern, kein Pathos, keine Verherrlichung, aber auch keine Attitüde, kein Ausstellen, keine Virtuosen-Pose. Levits Spiel, so technisch staunenswert es einem hier begegnet, ist das des hintergründigen Künstlers, der ab und zu seine Krallen ausfährt – aber weiß, dass  er  es eigentlich gar nicht nötig hat.

Unmöglich ist es, alle 32 Sonaten hier zu würdigen. Aber man nehme nur die Nummer 21, die „Waldstein“-Sonate, deren erster Satz von Levit so geliebt wird. Nicht als Hämmern, als Stanzen und Stampfen beginnt sie. Bei Levit ist das überraschend weich gefasst, ein elegantes, linear gedachtes Ausgelassensein. Keine Pointen-Parade also, über die der Urheber („Jetzt kommt der Witz!“) am meisten lacht. Das Tempo ist hoch, fast scheint sich Igor Levit überholen zu wollen. Doch bleibt alles frohgemute, delikate Jonglage – die im Finale einen Gegenpart findet in einer wahrhaft unerhörten Variabilität an Farben, Nuancen und klanglichen Schichtungen.

So sehr sich Levits Spiel weiten kann, sich Dimensionen und Raum erobert, so sehr ist es doch nie ein „Als ob“. Kein orchestrales Imitat also, sondern immer – das ist eigentlich nur denkbar mit der historischen Aufführungspraxis im Hinterkopf – aus dem Eigenwert des Klavierklangs entwickelt. Auch in der „Appassionata“ setzt er eher auf subkutane Wirkungen – um das Finale dieser Nummer 23 dann in einen verrückten Gruß aus Absurdistan münden zu lassen. Dennoch übertritt Levit dabei nicht die Grenze zum puren Effekt: Es ist das kontrolliert Extrovertierte, das hier so überzeugt.

Ähnliches in der „Sturm“-Sonate, deren Fortissimo-Angriffe immer klanglich gerundet bleiben. Oder das Kontraste-Spiel der „Mondschein-Sonate“, die in den schnellen Sätzen weniger grimmig als bei den Kollegen tönt. Was nicht heißt, dass Levit abschwächen oder Beethovens Verve unterlaufen würde: Es ist eher die genaue, mit viel Energie aufgeladene Formulierung einer Phrase, die Variabilität der Tongebung, die für Dramatik sorgt.

Levits Beethoven-Sonaten dampfen und schwitzen nicht. Genauso wenig, wie sie in den langsamen Sätzen larmoyant um sich selbst kreisen. Man höre dazu den zügigen, ganz natürlichen Beginn der „Mondschein-Sonate“, das schlichte, liedhafte Adagio der „Pathétique“ (was auch durch eine Hervorhebung der Begleitstimme erzielt  wird) oder das Stockende in Opus vier, dessen  Mittelsatz  sich nur mühevoll  zu Struktur zu verdichten scheint.

Spielte Levit die „Hammerklavier-Sonate“ 2013 noch mit (auch gebotener) Härtung des Tons, so ist nun eine Eleganz dazugekommen, eine Finesse, eine kristallfeine Formung von Ketten und Girlanden. Unübertroffen bleibt auch bei Wiedervorlage die Interpretation des Opus 106, das klingt, als habe sich Alban Berg an einer Imitation von Robert Schumann versucht. Modern könnte man das nennen. Auf jeden Fall sind es Grenzgänge, die Beethoven zwischen allen Stühlen und Zeiten verorten. Und damit so aufregend gegenwärtig machen.

Ludwig van Beethoven:

Die Klaviersonaten. Igor Levit (Sony Classical, Box mit neun CDs).

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