Bei einem Foto wie dem rechten würde man gern Sprechblasen einfügen. In die des Herrn links, Bernhard Spies, Geschäftsführer des Hauses der Kunst, schriebe man: „Willkommen im Kapitalismus!“ Und bei dem Herrn rechts, Künstler Ai Weiwei, vielleicht noch besser eine Denkblase: „Dich stimme ich schon noch um.“
Am Freitag brauchte man gar keine Zeichentricks. Wer live dabei war, erlebte inmitten der Ausstellungsräume, welche zwei Seiten im Kulturbereich immer wieder aufeinandertreffen. Hier der Mann der Zahlen, da der Mann der Visionen. Der eine ruft: „Geld wächst nicht auf Bäumen!“ Der andere erwidert: „Dann ist es Ihre Aufgabe, es zu akquirieren.“ Der eine beharrt: „Wenn wir nicht sparen, müssen wir das Haus schließen!“ Der andere kontert: „Dann ziehe ich ein. Und kümmere mich um den Erhalt. Alles ist möglich!“ Da ist der andere so verdutzt, dass ihm die Vokabeln ausgehen: „That’s … Quatsch!“
Tatsächlich hat Spies mit der Rolle des Geschäftsführers keine leichte Aufgabe übernommen. Das Haus war tief in den roten Zahlen. Er muss an allen Ecken kürzen. Für Wirbel sorgte seine Entscheidung, 48 Angestellte zu entlassen. Wie berichtet, trifft es alle Aufsichts- und Kassenkräfte sowie Pförtner. Um das zu verhindern, startete die Belegschaft eine Protestaktion; unterstützt von vielen Prominenten wie dem Künstler Ai Weiwei. Am Freitag stellt er sich demonstrativ selbst an die Pforte und spielt Kartenabreißer.
Dem Geschäftsführer ist das ein Dorn im Auge. Er hat das Hausrecht und kommt erbost dazu. Mokiert sich, dass zu einseitig berichtet werde. „Wir haben rund 15 Mitarbeiter, die arbeiten nur 2,5 Stunden die Woche. Deren Schichten zu organisieren, ist ein großer Aufwand, der kostet.“ Hinzu komme, dass das Haus, das keine eigene Sammlung beherbergt, keine ständige Überwachung braucht. Wenn Events außer der Reihe stattfänden, benötige man Fremdpersonal. Der Plan: künftig sämtliche Stellen von einem externen Anbieter besetzen zu lassen. Alles in einer Hand. Spies verspricht: „Die Mehrheit wird zu selbem Gehalt bei der Fremdarbeitsfirma angestellt. Lediglich die sehr wenige Stunden Arbeitenden nicht; hier suchen wir sozialverträgliche Lösungen.“
Kopfschütteln bei den Mitarbeitern. Die vorherige Geschäftsführung habe versagt, und die Kleinen müssten es ausbaden. Auch Ai ärgert sich: „Sie können nicht einfach sagen: ,Schluss, keine Jobs mehr für Euch!‘“ Spies erwidert: „Aber wir werden doch gar keine Stellen kündigen!“ Lächeln bei Ai Weiwei. Diese öffentliche Aussage nimmt er gern auf. „Das ist ja fantastisch! Dann kann ich heute Nacht gut schlafen.“
Was der Künstler nicht gehört hatte, war, was der Finanzchef zuvor fallen ließ: „Bei den Mitarbeitern, die Demo-Buttons hier im Haus tragen, frage ich mich, ob ich sie für eine Übernahme empfehle.“ Personal, das sich wehrt, wird durch Rauswurf bestraft? Am 7. Oktober gehen die Verhandlungen weiter. Vielleicht sollte man sich darauf besinnen, wozu Ai ermahnte: „Kunst bedeutet Freiheit. Wir dürfen sie nie für selbstverständlich halten. Und müssen dafür kämpfen.“