Er pochte auf moralische Einsicht

von Redaktion

NACHRUF  Trauer um György Konrad – Schriftsteller, Schoah-Überlebender und Dissident

VON WOLF SCHELLER

Der Mensch braucht ein Haus mit einem Garten, mit Obstbäumen. Er braucht eine Familie mit Kindern und Kindeskindern. In der sommerlichen Idylle seines Gartens in Hegymagas am Plattensee steht der Tisch aus Stein. Dies ist der Ort, an dem György Konrad auf sein Leben zurückblickt. Hier lässt er all jene Revue passieren, die ihm in seinen Jahren begegnet sind. So entstand ein Buch der Erinnerung – „Sonnenfinsternis auf dem Berg“, eine Lebensbilanz, freundlich, ironisch im Tonfall, geschrieben von einem Autor, der als Elfjähriger nur durch viel Glück der Deportation nach Auschwitz entkam. Er hatte den antisemitischen Furor seiner Landsleute – nachzulesen in seinem Buch „Glück“ aus dem Jahr 2001 – schon als Kind eines jüdischen Großkaufmanns in Debrecen erlitt. Konrad ist am Freitag im Alter von 86 Jahren in seinem Budapester Heim einer schweren Krankheit erlegen.

In seinen Anfängen befasste er sich vor allem mit der Nachkriegszeit, der von den Lügen der kommunistischen Machthaber geprägten Epoche von vier Jahrzehnten, die den Autor tief gezeichnet hat. György Konrad wurde vom Regime mit Berufs- und Publikationsverbot belegt. Dem gingen Demütigung und Ausgrenzung voraus. Sein erster Roman „Der Besucher“ alarmierte die Staatssicherheit, und als dann Ende der Siebzigerjahre die kritisch-theoretische Schrift „Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht“ erschien, war es mit der Geduld der Behörden vollends vorbei. Konrad und sein Mitautor Iván Szelényi wurden zu Unpersonen. Er musste sich als Lektor und Hilfspfleger in der Psychiatrie durchschlagen.

„Gegen die Übermacht der Panzer empfand ich auf lange Sicht die Gegenmacht der Sprache als ausschlaggebend“, schrieb er. Sein Werk verarbeitet Weltstoff und Wirklichkeitsfülle auf dem privatpersönlichen Hintergrund eines im Grunde antipolitischen bürgerlichen Intellektuellen, der sein Publikum durch alle Tiefen menschlicher Erniedrigung führt und sich doch den Vorbehalt moralischer Einsicht bewahrt. Budapest 1956, die Niederschlagung des Aufstands gegen die Kommunisten, die Fülle der damals erfahrenen Enttäuschungen, jene „dunkle Glocke aus Wirklichkeit und Albtraum“ prägt seine Biografie. Häufig überwiegt ein Moment des Staunens über das eigene Überleben, und man stößt in seinen Büchern oft auf eine Hommage an das Zusammenleben mit den Eltern, an jene jüdische Idylle von Berettyoujfalú, die mit Auschwitz unterging. An anderer Stelle heißt es lakonisch: „Mein Vaterland, so glaube ich, wollte mich töten.“ Und in der Tat waren er und seine etwas ältere Schwester die einzigen jüdischen Kinder des Dorfes, die nicht in den Gaskammern umkamen.

Der studierte Soziologe blieb in seiner Budapester Vorortwohnung, schrieb und schrieb, entdeckte den Mitteleuropa-Gedanken und entwickelte sich unter der fürsorglichen Belagerung durch die permanent misstrauische Staatsmacht zum Dissidenten. Er wurde darüber zu einer Symbolfigur für die ungarische Opposition, begann mit dem Schreiben von Romanen – und wiederum konnte ihn sein Publikum vor allem als einen essayistischen Kopf bewundern, einen Philosophen der Urbanität, der sich in die Belletristik verirrt hatte.

Nach der Wende tastete er sich behutsam durch das Gestrüpp der westlich dominierten Medienwelt, erhielt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, wurde zum internationalen Pen-Präsidenten gewählt und stand als erster Ausländer jahrelang an der Spitze der Berliner Akademie der Künste. Er vertrat unkonventionelle Ansichten, was ihm in seinem gesellschaftlichen Engagement intellektuelle Eigenständigkeit sicherte – und er hatte den Mut, nicht immer dem zu entsprechen, was sein Publikum von ihm erwartete.

Ein Dissident, aber kein Kämpfer – so sah sich Konrad, interessiert an den schönen Dingen des Lebens, auch ein Familienmensch. Und doch wurde György Konrad am Ende wieder in der ungarischen Wirklichkeit mit der Wiederkehr antisemitischer und faschistischer Rhetorik konfrontiert, deren Aufkommen durch die autoritäre Regierung von Viktor Orbán begünstigt wurde.

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