Zu den kleinen, ganz besonderen Klassikfestivals gehört seit mittlerweile sechs Jahren die „AMMERSEErenade“, die auch heuer am letzten Augustwochenende wieder zum Kapellentag rund um den Ammersee einlud. Rund 3000 neugierige Musikfreunde waren – gemäß dem Motto – „unterwegs zwischen Himmel und See“ und lauschten in Kapellen und Kirchen den unterschiedlichen Solisten und Ensembles: von Gstanzln bis zu Klassik, Blues und Zeitgenössischem reichte das Angebot, das Appetit machte auf mehr.
Dieses „Mehr“ startet nun am Donnerstag mit „Musik im Dialog“, findet seinen Höhepunkt im „Liberation Concert“ am Freitag in St. Ottilien und klingt am Samstag mit einer Matinee im Münchner Künstlerhaus aus. Bereits im fünften Jahr führt „Musik im Dialog“ interessante Gesprächspartner und Musiker zusammen. Im Hubert-Burda-Saal am Münchner St. Jakobsplatz begegnen sich Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, und der russische Dirigent Vladimir Fedoseyev.
„75 Jahre Leningrader Blockade – ein Leben zwischen Krieg und Frieden“ ist das Gespräch der beiden 1932 geborenen Zeitzeugen überschrieben. Sie werden über ihre Erfahrungen – Fedoseyev erlebte die Blockade Leningrads als Bub – während des Zweiten Weltkriegs und der Verfolgung durch die Nationalsozialisten berichten. Andreas Bönte, der stellvertretende BR-Fernsehdirektor, wird diesen Ost-West-Dialog moderieren. Dazu erklingt Musik von Tschaikowsky und Rachmaninoff – jeweils deren erste Streichquartette, musiziert vom Quartett des Tschaikowsky Symphonie Orchesters Moskau.
Das gesamte Moskauer Ensemble ist einen Tag später unter der Leitung seines Chefdirigenten Fedoseyev in der Klosterkirche der Erzabtei St. Ottilien zu erleben. Auf dem Programm stehen das Adagietto aus Mahlers fünfter Symphonie, die Streicherserenade von Tschaikowsky und Mozarts Klavierkonzert Nr. 9 Es-Dur KV 271. Solistin ist Elisabeth Leonskaja. Die in aller Welt erfolgreiche Pianistin entstammt einer russisch-jüdischen Familie, wurde in Tiflis geboren und lebt seit Jahrzehnten in Wien.
Den Ausklang der „AMMERSEErenade 2019“ bestreitet in der Samstags-Matinee im Münchner Künstlerhaus am Lenbachplatz wieder das Streichquartett des Tschaikowsky Symphonie Orchesters Moskau. Neben Tschaikowskys erstem Quartett musizieren die vier Streicher das 8. Quartett von Schostakowitsch.
Auch heuer ist der Verein „Kultur am Ammersee“ unter dem Vorsitz von Hans-Joachim Scholz und Doris Pospischil glücklich, dass er ein so hochkarätiges Festivalprogramm auf die Beine stellen konnte. Beim ersten „Liberation Concert“ im vergangenen Jahr engagierte sich Stargeigerin Anne-Sophie Mutter und musizierte – nach Zubin Mehtas krankheitsbedingter Absage – zusammen mit den jungen Musikern des Symphonieorchesters der Buchmann Mehta School of Music aus Tel Aviv.
Das „Liberation Concert“ in St. Ottilien erinnert an jenes Befreiungskonzert, das überlebende Musiker der Konzentrationslager 1945, nur drei Wochen nach Kriegsende, auf dem Klostergelände gaben. Dorthin waren viele befreite KZ-Häftlinge gebracht worden. Dort lebten sie als „displaced Persons“ drei Jahre lang, in jener Zeit wurden im Hospital mehr als 400 Babys geboren.
Diese Zeichen von Überlebenskraft und Hoffnung, von denen Mönche des Missionsbenediktinerordens im Gespräch mit Doris Pospischil und Hans-Joachim Scholz berichteten, weckten bei den beiden den Wunsch, das „Liberation Concert“ wieder aufleben zu lassen und ins Programm der „AMMERSEErenade“ aufzunehmen. Der Erlös dieses Benefizkonzertes, in dem die Stars auf ihre Gagen verzichten, fließt dem Projekt „Artist/Journalist in Residence“ zu. Alle zwei Jahre sollen junge Leute aus den Bereichen Musik, bildende Kunst, Fotografie oder Wort die Möglichkeit bekommen, im Kloster zu leben und zu arbeiten. „Damit wollen wir Toleranz, Freiheit und Wahrheit im Schaffen der jungen Künstler fördern“, erläutern Pospischil und Scholz.
Der ehemalige Banker widmet sich zusammen mit seiner Frau und all den aktiven und fördernden Vereinsmitgliedern der „AMMERSEErenade“ nun ganz der Musik – seiner großen Leidenschaft. Die „Belohnung“ bleibt nicht aus: Die Künstler kommen gerne an den Ammersee und die zahlreichen Besucher genießen das vielfältige Musikprogramm – ob in der Scheune, im ehemaligen Kuhstall, in der kleinen Kapelle oder im großen Gotteshaus der Erzabtei.
„Es war ein sehr emotionaler Moment, als zum Abschluss des ersten ,Liberation Concerts‘ die große Glocke von St. Ottilien läutete“, erzählt Doris Pospischil, die sich schon freut, wenn 2020 der 1300. Todestag der heiligen Ottilie gefeiert und sicher auf das Konzertprogramm ausstrahlen wird.