Das Musikgeschäft ist nicht immer fair, wenn es um den Nachruhm der Songschreiberinnen und -schreiber geht, die hinter den großen Charthits der Stars stehen. Zugegeben, eine Dolly Parton kann sich in dieser Hinsicht nicht wirklich beschweren. Dennoch dürfte bei „I will always love you“ im ersten Moment nicht jeder automatisch an die platinblonde Country-Ikone denken. Zum Welthit wurde ihr 1974 komponierter Song nämlich erst 18 Jahre später, als Pop-Legende Whitney Houston ihn für den Soundtrack des Films „Bodyguard“ (1992) aufnahm und damit nicht nur in den USA einen neuen Rekord für die meistverkaufte Single aller Zeiten aufstellte.
Und ohne Zweifel ist „I will always love you“ auch der Moment, auf den am 7. November alle gespannt warten werden, wenn sich im Deutschen Theater München der Vorhang zur Bühnenversion des Kultfilms hebt. Sorgen muss man sich um den Gänsehautmoment wohl nicht machen. Hat man für diese Tournee doch mit Aisata Blackman eine gestandene Soulröhre verpflichtet, die dem Publikum nicht nur durch die Fernsehshow „The Voice of Germany“, sondern ebenfalls durch ihre denkwürdige Performance in „Sister Act“ in bester Erinnerung sein dürfte. In der Rolle der Diva Rachel Marron ruht das Gelingen des Abends auf ihren Schultern, wie Arrangeur Chris Egan im Vorfeld der Proben in den Londoner Pinewood Studios erzählt.
Egan arbeitete bereits mit Musikgrößen wie Annie Lennox und Lady Gaga. Bei „Bodyguard“ war er von Anfang an dabei. „Es ist kein Musical im klassischen Sinn, weil die meisten Nummern als Rachels Bühnenauftritte inszeniert sind. Bei einer Castingshow reicht es, wenn man einen Song gut performt. Hier muss die Hauptdarstellerin mehr als ein Dutzend Songs am Abend abliefern. Und das sechsmal die Woche.“ Keine leichte Aufgabe – hat man doch für die Bühnenversion weitere Houston-Hits eingebaut. Egans Arbeit bestand vor allem darin, dieses Best-of zu einem homogenen Ganzen zu fügen und für fließende Übergänge zu sorgen. „Das betrifft nicht nur Tanz-Einlagen oder Umbauphasen. Als wir die Show entwickelt haben, wurde ich vom Regieteam mit eingebunden, das mir genau gesagt hat, welche Stimmung für welche Szene gebraucht wird. Das ist ähnlich wie bei einem Soundtrack.“
Genau wie Egan betont auch Regisseur Frank Thompson während der Proben immer wieder, dass man für die zahlreichen Inkarnationen der Show rund um den Globus – sei es nun in London, Wien, Korea oder Australien – keineswegs nur nach einem Klon der berühmten Vorgängerin sucht. „Es klingt vielleicht abgedroschen, aber bei jeder neuen Produktion geht es uns vor allem um die Figuren. Wir suchen nicht Whitney Houston und Kevin Costner, wir suchen Rachel und Frank. Wir brauchen Persönlichkeiten, die eine Bühne mit ihrer Stimme und ihrer Präsenz füllen können. Und wir hatten wirklich immer Glück, weil wir großartige Sängerinnen gefunden haben, die der Rolle jeweils ihre Note verliehen haben.“
Weniger um Individualität als um Präzision geht es dagegen Choreografin Karen Bruce beim Casting der Tänzer. Die als Jurorin der britischen „Let’s dance“-Variante bekannte Dame drillt ihre Kandidatinnen und Kandidaten unnachgiebig, bis der Anfang von „Queen of the Night“ bei allen sitzt. „Spielt mir kein dreiaktiges Drama vor, ich will die Schritte sehen. Der Rest kommt später.“ Wobei sie neben einigen ruppigen Ansagen ebenso Zeit findet, um den Nervösen mit Tipps aus ihrer langjährigen Erfahrung im wahrsten Sinne des Wortes unter die Arme zu greifen. „Eure Partner müssen sich auf euch verlassen können. Natürlich ist es ein hartes Geschäft, aber im Ensemble ist für Egos kein Platz.“
„Bodyguard“
läuft vom 7. November bis zum 15. Dezember im Deutschen Theater; Karten unter 089/55 234 444.