Zombies mit düsteren Fratzen, comichafte Masken und schwarze Sonnenbrillen, Untote mit Totenschädel-Gesichtern, bonbonfarbene Barbiepuppen, weißhaarige Großmütter oder schrill-bunte Clowns. Wenn die junge Regisseurin Lucia Bihler einen Theaterabend gestaltet, bricht sie immer wieder aufs Neue mit den bislang vertrauten Sehgewohnheiten. Mit ihren kühnen, klug durchdachten Mischungen aus Stilisierung, Pose, Groteske und choreografierter Artistik belebt sie Dramen – wie jetzt Henrik Ibsens „Hedda Gabler“ fürs Münchner Volkstheater. Die Premiere ist morgen. Egal, ob Klassiker oder vom Roman adaptiert wie ihre Interpretation von Robert Menasses Brüssel-Roman „Die Hauptstadt“, die beim diesjährigen „radikal jung“-Festival auch in München zu sehen war – Bihler findet für jeden Text die angemessene Frischzellenkur.
Wie sie dabei auf die erste, alles Weitere bestimmende Idee zur Umsetzung kommt, läuft jedes Mal ein wenig anders ab: „Ich lese den Text oft. Spreche ihn laut. Manchmal dauert es ziemlich lange, ehe ich einen Zugriff habe, der sich richtig anfühlt.“ Zur Inspiration dient ihr alles, in erster Linie die Malerei. Besonders Bilder von Hieronymus Bosch haben es ihr angetan. „Ich liebe diese Fabelwesen und Untiere, diese albtraumhafte Szenerie. Alles Düstere und Fiese, alle menschlichen Abgründe und die verborgenen Mechanismen dahinter, die interessieren mich total.“ Ist die grobe Idee vorhanden, wird der Rest zur Teamarbeit. „Ich mag den Austausch mit anderen sehr und entwickle daher nahezu alles erst während der Probenphase mit den Kollegen gemeinsam.“
Nun also „Hedda Gabler“. „Was mich zu Beginn wirklich an dem Stück fasziniert hat, war die Einsamkeit Heddas und ihr Gefangensein in dieser Prinzessinnenversion eines Lebens. Diese enorme Beengtheit und große Entfremdung, die diese Figur empfindet, die wollte ich herausstellen“, fasst Bihler die erste Annäherung an Ibsens Drama zusammen.
Gemeinsam mit Jana Wassong und Laura Kirst, die für Bühne und Kostüm zuständig sind, fand sich schnell ein zentrales Motiv, nämlich eine Anlehnung an Zeit und Kostüme des Rokokos. Das passt perfekt auf die Konstellationen und Konflikte im Text, findet Bihler. „Dieser extrem materialistische Ansatz, die Luxusprobleme der Figuren, diese überhöhte Bürgerlichkeit. Auch die ständige Langeweile. Dazu das permanente Unter-Beobachtung-Stehen und das buchstäbliche Eingeschnürt- sein“, da kommt die Tragödie Hedda Gablers der Epoche des Rokokos durchaus nahe. „Zu dieser Rokoko-Setzung haben wir uns dann die entsprechende Bühne mit einer Spieluhr in der Mitte ausgedacht, in der Hedda gefangen ist“, verrät die 31-Jährige.
Was sie am Theater am meisten gereizt hat, ist die Idee des Gesamtkunstwerks: „Ich habe schon ganz früh gespürt, dass mich Kunst am meisten begeistert, wenn alle Arten von Musik bis Malerei zusammenfließen. Wenn ich Inhalt versinnlichen und zum Diskurs stellen kann. Und das war ziemlich schnell das Theater“, erklärt sie. „Für mich zählt immer das Ganze. Alle künstlerischen Mittel sind gleichwichtig. Der Text, die Musik, das Licht, jedes Requisit. Aber auch, wie man seinen Finger hält. Mir macht es Spaß, wenn alles ineinandergreift und es dadurch hermetisch und stark wird.“
Eine große, viele Aspekte und Gewerke umfassende Herausforderung steht Lucia Bihler im Augenblick bevor. Seit dieser Spielzeit zählt sie zum Leitungsteam der Volksbühne in Berlin. Neben dem Intendanten Klaus Dörr, der geschäftsführenden Direktorin Nicole Lohrisch und dem Schauspieldirektor Thorleifur Örn Arnarsson ist sie als Hausregisseurin für den neuen Kurs des großen Schlachtschiffs am Rosa-Luxemburg-Platz zuständig. Vorerst einmal für die kommenden zwei Jahre. Zwei Inszenierungen verantwortet sie in dieser Zeit. Eine davon, eine Performance zum Thema weibliche Sexualität in Zeiten des allgegenwärtigen Pornos, wird im Dezember stattfinden. Außerdem wagt Bihler eine „Iphigenie“-Neuinterpretation.