„Kintsugi“ ist eine japanische Kunstform, bei der zerbrochenes Porzellan mit Gold repariert wird. Der Wert des Objekts steigt dadurch, die Bruchstellen werden zu Dekoration, aus Zerstörung wächst neue Kunst. Gilt das auch für menschliche Beziehungen? Wie viel Geduld ist nötig, um ein Zerbrechen zu verhindern? Oder kann aus Brüchen nicht sogar etwas Neues entstehen, etwas, das noch wertvoller ist als die vermeintlich heile Welt zuvor?
Seit Generationen stellen sich Autoren diese Fragen, beschreiben die Liebe und das Leiden in sämtlichen Konstellationen. Miku Sophie Kühmel reiht sich da bewusst ein mit ihrem Debütroman „Kintsugi“, der an Goethes „Wahlverwandtschaften“ erinnert: Vier Menschen begeben sich ein Wochenende lang in ein Haus am See, in dem nicht die erwartete Harmonie entsteht, sondern menschliche Abgründe aufbrechen. Was Kühmels Text von vielen seiner Vorgänger abhebt, ist die Art des Erzählens. Sie schlüpft in den vier Hauptteilen jeweils in die Haut eines ihrer Protagonisten, nimmt seine oder ihre Perspektive ein, taucht tief ein in die persönliche Gefühlswelt, gleitet übergangslos von Erinnerungen über die Einschätzung der Gegenwart bis zu den Zukunftsplänen.
So darf sich Max, der ergraute Archäologe, liebevoll, aber stets verwundert an die Anfänge seiner Liebe zu Reik erinnern. Dieser hat mit seiner unkonventionellen Art das strukturierte Dasein von Max bis zur Gegenwart belebt, herausgefordert und infrage gestellt. Reik hingegen, ein gefeierter Künstler, sehnt sich trotz seiner Homosexualität vor allem danach, der Welt ein lebendiges Kind statt nur toter Kunst hinterlassen zu können. Solch ein Kind hat die vergangenen 20 Jahre seiner Jugendliebe Tonio geprägt. Jetzt aber ist Pega, Tonios Tochter, erwachsen, und Tonio plant einen kompletten Neuanfang. Und Pega, behüteter Schatz aller drei Männer, ist dabei, ihren eigenen Weg zu finden.
Während in der äußeren Handlung, die sich vor allem in kurzen, in Dramenform konzipierten Dialogszenen vollzieht, gar nicht so viel passiert, entfalten sich in den Ich-Erzählungen vier komplexe innere Monologe. Dabei dominieren die verschiedenen Spielarten der Liebe nur auf den ersten Blick die Thematik. Der 27-jährigen Kühmel geht es um weit mehr als nur schwule oder heterosexuelle Beziehungsfragen. Es geht um die Familie an sich, um Freundschaften, Rollen, die man einnimmt oder von denen man sich befreit, und stets um die Frage, was der Einzelne eigentlich (noch) vom Leben erwartet. Der Autorin gelingt es dabei, die Scherben der Lebensentwürfe und Partnerschaften, die sie ihre Figuren aufbauen, ausmalen und wieder zerstören lässt, so zusammenzufügen, dass aus ihnen tatsächlich ein Gesamtkonstrukt wird. Geschickt beleuchten die Erzählungen des einen Protagonisten die Schatten des anderen, und erst gemeinsam ergibt sich aus den Einzelperspektiven das ganze komplexe Bild.
Bis klar wird: Ziel ist – in der Kunst wie in Beziehungen – nicht die Perfektion oder die glatt polierte Oberfläche. Es geht vielmehr darum, mit Brüchen konstruktiv umzugehen, sie anzunehmen und gegebenenfalls zu kitten. Das Material, das die Autorin dazu verwendet, ist kein Gold, sondern eben ihre ganz eigene Art des Erzählens. Eine, die so überzeugt, dass es dieses Erstlingswerk auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. Zu Recht.
Miku Sophie Kühmel:
„Kintsugi“. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 295 Seiten; 21 Euro.