Brüchige Hoffnungen

von Redaktion

Der Kunstverein stellt mit „Wall Sits“ die US-Amerikanerin Diamond Stingily in München vor

VON SIMONE DATTENBERGER

Muskeltraining im Münchner Kunstverein? Im Hofgarten spielt man höchstens gepflegt Boule – ohne sich mit aller Gewalt anzustrengen. Da sind „Wall Sits“ schon unangenehmere Verrenkungen. Mit diesem Titel markieren die US-amerikanische Künstlerin Diamond Stingily, 1990 in Chicago geboren, und die neue Direktorin Maurin Dietrich ihre Ausstellung, die erste Einzelschau Stingilys in einer europäischen Institution. Die beiden Frauen sind sozusagen Debütantinnen –  und überraschen die Münchner mit einer Mischung aus kühler serieller Arbeit, Nippes-Rausch und Müll-Recycling. Dieses ästhetische Capriccio thematisiert außerdem die seltsame Verbindung von Sport, Gewalt und Hoffnung.

Fünf alte Türen, mal hübsch, mal armselig, bis auf eine, die schwarze, ohne Schloss, stehen frei, als habe man die umgebenden Mauern weggerissen: „Entryways“ (2019) ohne Nutzen. An ihnen lehnt je ein Baseballschläger sowie ein sechster in der Ecke. Hier im Aufgangsbereich des Kunstvereins in den Hofgarten-Arkaden kann man an sich selbst beobachten, wie kulturelles Wissen die Wahrnehmung steuert. Für uns Europäer ist Baseballschläger gleich rechtsradikale Gewalt. Für einen Besucher aus den USA wahrscheinlich zunächst einmal das Symbol einer mega-populären Sportart. Deswegen schlingern unsere Empfindungen beim Anblick der Türen zwischen negativ und positiv. Verstärkt werden die Irritationen durch die Fenstergitter aus altmodischen Speer-Gartenzäunen („Outside“, 2019). Ähnlich funktioniert im Hauptsaal die große Installation „In the Middle but in the Corner of 176th Place“ (2019) aus 700 kleinen Pokalen auf sechs überdimensionierten Metallregalen.

Die Billig-Trophäen, die der offenbar weltweiten Gesetzmäßigkeit folgen, dass Sportehrenzeichen maximal peinlich ausschauen müssen, rühren einen. 700 Mal murmeln sie ihre Formeln von Hoffnung auf Erfolg, auf Wohlstand, von Stolz, Anstrengung und von Leidenschaft, immer eingefangen in die optische Lächerlichkeit von Rugby- oder Tennisbällchen, einem Nike-von-Samothrake-Verschnitt oder einem Gewichtheberlein. Auch Beschriftungen wie „Through all the Madness this is all you gone get“ geben zu denken.

Im letzten Raum genießt die afro-amerikanische Künstlerin Diamond Stingily mit „Double Dutch Rope“ (2019) die serielle Ruhe, ja Eleganz – obwohl die aufgehängten Schlaufen-Ketten nur aus ordinären dünnen Telefonkabeln bestehen.

Maurin Dietrich ergänzt die Exposition mit künstlerischen Appetithäppchen von Alexandra Severino, Lyric Shen, Michelle Lee Delgado, Sean-Kierre Lyons, Jennifer Shear und Bri Williams.

Bis 17. November,

Di.-So. 12-18 Uhr, Do. bis 21 Uhr; Galeriestraße 4; Telefon: 089/20 00 11 33; Begleitheft: 1 Euro.

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