Der andere Blick

von Redaktion

Die Neue Sammlung zeigt afrikanische Keramiken von Franz von Bayern

VON MICHAEL SCHLEICHER

Wir können nur erahnen, was vor 40 Jahren in den Räumen der Münchner Galerie von Fred Jahn geschehen ist. Fakt ist, dass damals das Sammelvirus zuschlug: Denn 1979 verfiel hier Herzog Franz von Bayern der Faszination afrikanischer Keramiken. „Sie haben mir auf Anhieb sehr gefallen“, erinnert er sich. Seine Begeisterung blieb dem Chef des Hauses Wittelsbach über die Jahrzehnte erhalten – sie mündete in eine der weltweit bedeutendsten Kollektionen afrikanischer Keramiken.

Dieser Schatz, der Arbeiten vom 19. Jahrhundert bis heute umfasst, war bislang nur der Fachwelt bekannt. Nun kann ihn auch die Öffentlichkeit bestaunen. Wie berichtet, übergab Herzog Franz vor zwei Jahren rund 1300 Objekte als Schenkung und Dauerleihgabe an Die Neue Sammlung – The Design Museum. Im vergangenen Sommer wurden – quasi als „Gruß aus dem Depot“ – bereits einige wenige Stücke in der Pinakothek der Moderne präsentiert. Jetzt folgt die große Schau: „Anders gesehen. Afrikanische Keramik aus der Sammlung Herzog Franz von Bayern“ ist im Erdgeschoss sowie in der Rotunde im zweiten Obergeschoss zu sehen.

Der Titel ist Konzept. Denn Herzog Franz, der beim Sammeln stets auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung suchte, ging es nie darum, die diversen Stammeskulturen Afrikas zu dokumentieren. „Die Gefäße kommen zwar noch aus der Tradition“, erklärt er. „Aber die Künstler lösen sich aus dieser heraus und werden individuell.“ Es sei faszinierend zu sehen, wie die „Tradition in Kunst überführt“ werde. Während bei den älteren Stücken die Urheber vergessen sind, gehen inzwischen die Keramikerinnen (es sind vor allem Frauen, die diese Arbeit beherrschen) dazu über, ihre Werke zu signieren. So ermöglicht diese Ausstellung tatsächlich ein „anderes Sehen“ – und rückt das gestaltende Individuum in den Fokus. Eine der Künstlerinnen, die 1950 in Kenia geborene Keramikerin Magdalene Odundo, schwärmt, wie bereichernd es für ihre eigene Arbeit sei, durch die Sammlung des Herzogs die Historie afrikanischer Keramiken im Überblick kennenzulernen.

Es sind vor allem Alltags- und Gebrauchsgegenstände, die hier zu sehen sind: Bier- und Wassergefäße, Pfeifenköpfe, Ritual- und Medizinbehältnisse, aber auch Mutterschaftsfiguren, religiöse Figuren und Initiationsmasken. Der britische Architekt Asif Khan präsentiert die Objekte offen – im Erdgeschoss auf einem elegant geschwungenen Tisch, der an einen Flusslauf erinnert, und im Obergeschoss in schlichten Wandregalen. Kein Glas stört den Dialog mit den Objekten.

So fallen auch die Unterschiede zu europäischen Keramiken sofort ins Auge: Die meisten Stücke haben einen bauchigen Boden, stehen also nicht von selbst. Schließlich wurden sie gemacht, um etwa zur Kühlung in Sand eingegraben oder in glühende Kohle gesetzt zu werden. Eine Glasur kennen Afrikas Keramikerinnen nicht, auch werden die Arbeiten nicht im Ofen gebrannt, sondern auf dem Feuer unter der Sonne. So kommt es zur leicht rauen, porösen Oberfläche. Mitunter wird Alltägliches verarbeitet – etwa bei einem Zulu-Biergefäß, dessen Oberfläche aus Telefondraht in vier verschiedenen Farben besteht. Gemein ist den gezeigten Stücken, dass sie in der sogenannten Aufbautechnik gefertigt wurden: Ohne Töpferscheibe wurde aus Ton-Wülsten das Gefäß aufgebaut. Die leichten Unregelmäßigkeiten, die dabei entstehen, verleihen den Arbeiten ihre eigene Spannung.

Bis 29. März 2020,

Di.-So. 10-18 Uhr, Do. 10-20 Uhr, Katalog, Walther König: 48 Euro;

Telefon 089/23 805 360.

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