Glättegefahr
Daniele Gatti beim BR-Symphonieorchester
Ausgerechnet Schostakowitschs fünfte Symphonie. Ausgerechnet diese doppelzüngige und -bödige „Reaktion eines Künstlers auf berechtigte Kritik“, wie es offiziell hieß. Ein Werk über das Individuum im gnadenlosen Machtsystem. Und am Pult im nicht ganz vollen Herkulessaal: Daniele Gatti. Vom Concertgebouw-Orchester gekündigt, in betriebserhaltender Schweige-Einigung, die Vorwürfe sexueller Übergriffe weder bewiesen noch entkräftet – und rein juristisch somit unschuldig.
Wer Musik ernst nimmt als Diskurs übers Menschsein, kann das nicht trennen. Am Qualitätsstandard ließ sich das BR-Symphonieorchester von den Umständen nicht kratzen. Dutilleux’ atonales „Mystère de l’instant“ gab es in sauber-sattem, mit dem Schlagwerk verschmolzenem Streichersound, doch ohne großes Geheimnis.
Es war das erste Cello-Konzert von Saint-Saëns, das von sehnsüchtiger Erinnerung durchspukt schien. Solist Pablo Ferrández hat jene Virtuosität, die alles Passagenwerk zur leichten Beiläufigkeit macht. Das wahre Spektakel bei ihm: Wie viel Seelenbeben er ins Vibrato langer Töne und das bloße Gleiten dazwischen legen kann. Ein bejubeltes München-Debüt. Und dann Schostakowitsch: Gatti sucht in der Partitur vertikal wie horizontal stets das Verbindende. Er schweißt den Orchesterklang zusammen, glättet alle Übergänge. Das Verlassen des Wohlklangs widerstrebt ihm. Aller Innerlichkeits-Gesang glückte mit schöner kammermusikalischer Geschlossenheit.
Doch Existenzkampf trägt nicht Samt. Es fehlte alle Dialektik, auch der harte Kontrast, das Hereinbrechende des Äußeren. Das Scherzo, gemütlich-beschwingt, ohne Fratzen, Grusel, Hohn, grenzte an Themaverfehlung. Und ganz am Ende stand leere Affirmation ohne Bewusstsein für deren Gewalttätigkeit – und wie etwas oder jemand mundtot gemacht wird.