Reine Kopfsache

von Redaktion

Münchner Gedächtnisweltmeister erklärt, wie wir uns mehr merken können

VON KATJA KRAFT

Wenn man mit Simon Reinhard an der Isar entlangläuft, können einem schon mal Tiger begegnen. Oder Segelflugzeuge. Oder Osterhasen. Nicht in echt. In der Fantasie. Denn davon hat der 40-jährige Münchner eine Menge. Was er noch hat: ein beneidenswertes Gedächtnis. Mit dem hat er schon viele Weltrekorde gebrochen. 888 Spielkarten merken in 30 Minuten zum Beispiel; oder 1479 Ziffern in 30 Minuten. Man wird ein bisschen ehrfürchtig, wenn man diese und die vielen anderen Rekorde des amtierenden Weltmeisters und sechsfachen Deutschen Meisters liest. Und fragt sich: Wird er sich jedes Wort, das wir beim gemeinsamen Treffen wechseln, innerlich notieren? Für immer gespeichert in seinem Wahnsinns-Hirn?

Reinhard lacht. „Wenn ich mir in einem Wettkampf beispielsweise Ziffernfolgen merken muss, wende ich bestimmte Techniken an. Im Alltag können die mir durchaus auch behilflich sein, doch natürlich nicht rund um die Uhr. Das wäre ja verrückt, wenn das Ziel wäre, sich alles jederzeit zu merken.“ Derzeit läuft der Film „Memory Games“ im Kino, der von Reinhard und seinen Gedächtnissport-Konkurrenten aus aller Welt erzählt. Herrje, wäre es schön, sich Alltagsdinge genauso schnell merken zu können, wie die Porträtierten auf der Leinwand. Namen zum Beispiel. Oder Geburtsdaten.

„Beides recht einfach“, sagt der, der es wissen muss. Reinhard hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Und coacht als Gedächtnistrainer jeden, der in einem bestimmten geistigen Gebiet fitter werden möchte. „Studenten wollen lernen, wie sie sich den Prüfungsstoff besser einprägen können; oder es kommen Leute, die eine neue Sprache lernen wollen.“ Er übt dann nicht Vokabeln mit ihnen – sondern erklärt, wie sie diese selbst üben sollten. Und da kommen dann möglicherweise wieder der Tiger, das Segelflugzeug oder der Osterhase vom Beginn mit ins Spiel. Wer sich etwa eine sehr lange Zahl einprägen möchte, verknüpft die mit für das Hirn leichter zu merkenden Bildern. Gedächtnissportler wie Reinhard haben da schon ihre eigenen parat. „179 ist bei mir zum Beispiel ein Tiger. Beginnt die 400-stellige Zahlenreihe mit 179, würde meine Bilderreihe mit dem Tiger beginnen.“

Wichtig: Der Tiger schwebt nicht einfach in der Luft, Reinhard setzt ihn gedanklich irgendwohin. Besonders gern an seine Hausstrecke, die Isarauen unweit seiner Wohnung. Dann hockt beispielsweise der Tiger am Fluss. 179. Es folgt die 696 – vielleicht eine Schlange. Die schlängelt sich durchs Gras. Immer weitere Bilder folgen. Zum Schluss muss er, um die Zahl richtig aufsagen zu können, den Weg gedanklich dann nur noch zurückspazieren. Ganz einfach? Nun ja.

Wieder freundliches Lachen bei Simon Reinhard. „Ich weiß, das klingt jetzt total kompliziert. Aber das ist wie bei diesen dicken Computerhandbüchern, in denen alles einzeln erklärt wird. Wenn man’s dann einfach selbst probiert, merkt man, dass es eigentlich supereasy ist. Genauso ist das mit den Gedächtnistechniken.“

Das Wichtigste sei, sich eigene Bilder zu erschaffen. Und damit fleißig zu üben. Um dann künftig auch generell ein besseres Gedächtnis zu haben? „Was ich bemerkt habe durch die vielen Jahre als Gedächtnissportler, ist, dass sich meine Fähigkeit verbessert hat, Dinge zu visualisieren.“ Das helfe ihm im Alltag in vielerlei Hinsicht. „Wenn ich etwas plane, wenn ich Menschen zuhöre. Oder wenn ich ein Buch lese – ich habe das Gefühl, dass die Sachen anschaulicher sind und irgendwie mehr Spaß machen. Das ist wie eine Art visueller Muskel, der besser trainiert ist.“

Es ist wie bei allen anderen Muskeln: Das Wichtigste beim Training ist, anzufangen. Deshalb im oberen Kasten drei Tipps als Appetitmacher für die Arbeit am eigenen Gedächtnis. Wer dann mehr möchte, schaue „Memory Games“ – und/oder kontaktiere Simon Reinhard unter simonreinhard.com. Ganz leicht zu merken.

Namen merken? Eigentlich ganz einfach

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