Schreiben Sie sich glücklich!

von Redaktion

Doris Dörrie legt eine inspirierende Geschichtensammlung vor

VON KATJA KRAFT

Einladungen sind ja meistens etwas Schönes. Zu Geburtstagsfeiern, Wochenenden mit Freunden, im besten Falle: Familientreffen. Und dann gibt es die traurigen; die mit schwarzem Rahmen auf dem Umschlag. Die, die einem Angst machen; zu Vorstellungsgesprächen; oder zu Gerichtsterminen. Doris Dörrie, diese Frau, die so viel weibliches Selbstbewusstsein ausstrahlt, verschickt mit „Leben Schreiben Atmen“ eine Einladung zum Schreiben. Wer sie annimmt, wird von ihr mitgenommen auf eine Reise in die Gedankenwelt, die überraschend ist wie die schönste Geburtstagsfeier, manchmal traurig wie die düsterste Beerdigung. Und die man nicht ausschlagen sollte.

„Wir sind alle Geschichtenerzähler. Vielleicht macht uns das zu Menschen“, ist die Regisseurin („Kirschblüten –Hanami“, „Männer“) und Schriftstellerin überzeugt. Bestrebt, dieses Menschliche – manchmal: allzu Menschliches – aus uns herauszukitzeln, animiert sie dazu, schreibend die Welt zu erforschen. „Schreiben heißt, die Welt einatmen. Alles ist Inspiration, alles ist Erinnerung.“ Ob man lieber gesiezt oder geduzt werden wolle, fragt sie zu Beginn. Und schon kommt man sich vor wie in einer der begehrten Schreibwerkstätten, die Dörrie regelmäßig leitet.

Einer ihrer Tipps (neben vielen anderen, drei davon im Kasten oben): mit der Hand schreiben. Warum? „Weil die Hand wir selbst sind. Die direkte Verbindung von unserem Kopf in die Hand ist die Handschrift. Sie verändert sich, wenn man über etwas schreibt, was einen wirklich packt“, schreibt sie. Da ertappt man sich dabei, es auszuprobieren. Block heraus, losgeschrieben. Ihr Versprechen: Bilder, die vergessen, fast verloren waren, tauchen dabei wieder auf. Wie zum Beweis legt sie los mit ihren eigenen Bildern aus 64 Jahren Leben. Das Faszinierende: Mit jeder Anekdote erinnert man sich als Lesender zurück an ähnliche Situationen, an wichtige Personen, an weggedrückte Gefühle. „Wenn ich über Verlorenes schreibe, erinnerst du dich an Verlorenes. Wenn ich über Gewonnenes schreibe, erinnerst du dich an Gewonnenes. Deshalb ist persönliche Geschichte erzählenswert.“

Dörrie erzählt von dem Tod ihres ersten Mannes, von ihrer engsten Freundin, von Erfolgen, von Zweifeln, von ihrer Familie. Sie weiß: Wenn einem etwas besonders nahegeht, ist es leichter, über sich in der dritten Person zu schreiben. Daran erkennen wir, was ihr selbst noch schwerfällt zu verarbeiten. Da wechselt die Perspektive in den verschiedenen Kurzgeschichten von „ich“ zu „sie“.

Denn das hier ist kein Roman, sondern eine Geschichtensammlung über das, was Dörrie bewegt. Ein Stream of Consciousness, ein Bewusstseinsstrom. Das, was Marcel Proust „mémoire involontaire“ nannte – unwillkürliche Erinnerung. Dörrie möchte mit diesem Buch nicht den nächsten Romanautor fördern, möchte nicht dazu animieren, etwas „Verwertbares“ zu schreiben. Schreiben ist für sie Therapie. Sich Dinge von der Seele schreiben. Vor allem aber ist es ein Hilfsmittel dazu, das, was einen umgibt, wieder bewusster wahrzunehmen. Wieso nicht einfach eine Kladde kaufen und immer mit einem Stift in der Tasche bei sich tragen? Und wenn man am Bahnsteig steht, im Café auf jemanden wartet, auf der Parkbank eine Pause macht, künftig nicht mehr zum Smartphone, sondern zum Büchlein greifen. Vergegenwärtigung des Augenblicks. „Überall sind kleine Zeit- und Wartefenster versteckt, die wir inzwischen meist mit Daddeln auf dem Handy verbringen. Stattdessen zu schreiben ist eine Art Ermächtigung: Man holt sich die Zeit zurück. Verpasst sein eigenes Leben nicht mehr.“

Kaufen, lesen, schreiben. Und den Moment auskosten. Ein kleines Wunderwerk.

Doris Dörrie:

„Leben Schreiben Atmen“. Diogenes, 288 S.; 18 Euro.

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