Natürlich ist da ihr Lachen, das große, herzliche, legendäre und ansteckende. Doch wäre es ein Fehler, Liselotte Pulver darauf zu reduzieren. Die Schweizer Schauspielerin hat in vielen Rollen das Nachkriegskino geprägt. Wir sprachen mit Pulver über ihren 90. Geburtstag und ihr neues Buch, für das sie einen faszinierenden Einblick in ihr Privatarchiv erlaubt.
Sie nennen Ihr Buch im Untertitel „Drehbuch meines Lebens“. Welchem Genre würden Sie dieses „Drehbuch“ zuordnen?
Das lässt sich so gar nicht sagen. Es ist ein langes Leben, auf das ich zurückblicke, 90 Jahre, mit allem, was dazu gehört, mit Höhen und Tiefen, schönen, unbeschwerten, aber auch schwierigen Zeiten. Aber alles in allem kann ich sagen: Es war, es ist ein glückliches Leben.
Bei der Lektüre beeindruckt es zu erfahren, mit welcher Akribie Sie Ihr Privatarchiv gepflegt haben. Wie kam es dazu, und warum ist es Ihnen wichtig, in dieser Form Zeugnis abzulegen?
Das Sammeln ist ebenso wie das tägliche Tagebuchschreiben so etwas wie die Buchhaltung meines Lebens. Ich habe irgendwann angefangen, alles aufzuheben und abzuheften. Ordnung erleichtert das Leben.
So haben Sie etwa auch die Schuhe aufgehoben, die Sie in der Titelrolle in „Ich denke oft an Piroschka“ trugen. Der Film markierte 1955 Ihren Durchbruch. War Ihnen bereits während des Drehs klar, dass diese Arbeit ein solcher Erfolg werden würde?
Nein. Denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass das Publikum eine Hauptdarstellerin akzeptiert, die den ganzen Film über mit Akzent spricht. Und ich wollte die Rolle auch erst gar nicht annehmen. Dass Piroschka dann mein Durchbruch im deutschen Kino wurde, damit hatte ich vorher nicht gerechnet. Das war ein großes Glück. Der Film traf wohl damals den Nerv der Zeit.
Sie waren oft auf Hosenrollen abonniert, haben für die damalige Zeit auch sehr selbstbewusste Frauen gespielt. Sehen Sie sich als eine Art Vorreiterin der Emanzipation? Haben diese Rollen etwas in der Gesellschaft verändert?
Darüber habe ich mir, ehrlich gesagt, gar keine Gedanken gemacht. Ich wollte gute Rollen spielen und nicht die Welt verändern. Aber wenn ich auf diese Weise einen kleinen Beitrag zur Emanzipation habe leisten können, dann freut mich das.
Zum Erarbeiten Ihrer Rollen haben Sie Kurven gezeichnet…
Die Kurven beschreiben die Entwicklung meiner Figur im Laufe der Filmhandlung. Wann macht sie eine Krise durch, wann passiert gar nichts, wann kommt die Liebe ins Spiel und so weiter. Von meinem ersten bis zu meinem letzten Film habe ich solche Kurven angelegt.
Sie haben entschieden, dass Sönke Wortmanns „Das Superweib“ 1996 Ihr letzter Film sein sollte. Wann wurde Ihnen klar, dass Sie nicht weiter als Schauspielerin arbeiten wollten?
Das war ein Prozess. Das Drehen wurde mit dem Alter anstrengender. Und die Kamera ist gnadenlos. Je besser die Kameratechnik wurde, umso mehr Zeit verbrachte man in der Maske.
Gibt es einen Film, der Ihnen besonders am Herzen liegt?
Jeder Film sollte ein Meisterwerk werden, auf jede Rolle habe ich mich gleichermaßen gut vorbereitet. So gesehen wäre es nicht gerecht, den einen oder anderen Film herauszuheben. Wenn Sie so wollen, lag mir aber „Gustav Adolfs Page“ (1960, Regie führte Rolf Hansen; Anm. d. Red.) besonders am Herzen, denn zum einen hatte ich mich – gemeinsam mit Curd Jürgens – sehr dafür eingesetzt, dass der Film überhaupt zustande kam. Und zum anderen lernte ich bei den Dreharbeiten meinen späteren Ehemann, Helmut Schmid, kennen. (Liselotte Pulver war von 1961 bis zu dessen Tod 1992 mit dem Schauspieler Helmut Schmid verheiratet; Anm. d. Red.)
Mit welchem Kollegen – vor oder hinter der Kamera – haben Sie am liebsten gearbeitet?
Ganz klar, mit meinem Mann.
Ihm haben Sie auch das kürzeste und zugleich berührendste Kapitel im Buch gewidmet. Echte Liebe braucht keine großen Worte, oder?
Darauf antworte ich Ihnen mit drei Worten: So ist es!
Sie sagen, Sie seien Ihr Leben lang Optimistin gewesen. Gab es Momente, in denen Ihnen Optimismus schwerfiel?
Eigentlich nicht. Auch in schwierigen Zeiten hilft es, an seinen Optimismus zu glauben und ihn sich zu bewahren.
Was wünschen Sie sich zu Ihrem Ehrentag?
Ich habe nur einen einzigen Wunsch: gesund zu bleiben und noch viele schöne Momente im Kreise meiner Familie und meiner Freunde zu verbringen.
Das Gespräch führte Michael Schleicher.
Liselotte Pulver:
„Was vergeht, ist nicht verloren“. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 232 Seiten; 24 Euro.
Fernsehhinweise: Auf 3sat gibt es an diesem Sonntag eine Hommage an Liselotte Pulver; Beginn ist um 13.30 Uhr mit „Das Wirtshaus im Spessart“ (1958), um 15.05 Uhr folgt „Ich denke oft an Piroschka“ (1955) und um 16.40 Uhr „Die Zürcher Verlobung“ (1957). Das TV-Porträt „Liselotte Pulver – eine Hommage“ nähert sich dann ab 18.20 Uhr der Schweizer Schauspielerin.