„Den Nobelpreis sollte man endlich abschaffen.“ Noch 2014 ließ Peter Handke kein gutes Haar an der Auszeichnung. Sie bringe mit ihrer „falschen Kanonisierung“ der Literatur nicht viel Gutes. Sie verschaffe „einen Moment der Aufmerksamkeit, sechs Seiten in der Zeitung“, aber für das Lesen bringe sie nichts, ätzte der 76-Jährige. Jetzt muss der gebürtige Kärntner, der seit Jahren in Paris lebt und schon mehrfach bei den Buchmachern hoch gehandelt wurde, wohl umdenken. Gestern sprach ihm die Akademie in Stockholm den Preis zu – gemeinsam mit seiner Kollegin Olga Tokarczuk.
Die polnische Schriftstellerin schrieb fast sieben Jahre lang an ihrem aktuellen Roman. Als er erschien, traf sie damit den Nerv der Zeit. „Ksiegi Jakubowe“ („Die Bücher Jakobs“, 2014) sei angesichts der Migrationskrise hochaktuell, loben Kritiker das Werk über die multikulturelle Geschichte des heute katholisch geprägten Polen. Tokarczuk gehört zu den populärsten Autorinnen der jüngeren Generation. Sie wolle die Geschichte ihres Landes neu aufschreiben, ohne dabei „die schrecklichen Dinge“, zu verstecken, sagte die 57-Jährige einmal.
Für Tokarczuk ist dies ein Mittel im Kampf gegen die zunehmende Fremdenfeindlichkeit in ihrer Heimat. Polen stelle sich als tolerantes und offenes Land dar, sagte die studierte Psychologin. „Aber wir haben schreckliche Dinge getan“, kritisierte sie und prangert Antisemitismus in ihrem Land an. Dies alles schuf ihr auch Feinde. Sogar Todesdrohungen habe sie erhalten, erzählte sie einmal im Interview.
Handke gilt als zorniger Rebell, er polarisiert. „Ich bin ein friedlicher Mensch, glaube ich, aber das Friedliche geht bei mir ab und zu mit dem Streit zusammen“, sagte er zu seinem 75. Geburtstag. Als junger Mann brüskierte er 1966 die deutschsprachige Schriftstellerelite der Gruppe 47 auf ihrer Jahrestagung in Princeton und attestierte Böll, Grass & Co. Beschreibungsimpotenz. „Die Sprache bleibt tot, ohne Bewegung, dient nur als Namensschild für die Dinge“, lautete sein Vorwurf.
Besonders seine Position zu den Balkankriegen sorgte später für Kritik. Im Jahr 1996 erregte Handke Aufsehen mit der Schrift „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“. Darin mahnte er eine differenzierte Berichterstattung über die Rolle Serbiens im Balkankrieg an. Er verurteilte die Bombardierung des Landes durch die Nato als Verbrechen.
Im Jahr 2006 trat er als Grabredner bei der Beerdigung des vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagten jugoslawischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic auf. In der Folge entzündete sich eine Debatte um die Vergabe des Heinrich-Heine-Preises der Stadt Düsseldorf an Handke, auf den er schließlich verzichtete. Handke, der zweimal verheiratet und mit der deutschen Schauspielerin Katja Flint liiert war, ist ein Freigeist. „Ein Künstler ist nur dann ein exemplarischer Mensch, wenn man an seinen Werken erkennen kann, wie das Leben verläuft“, meint er: „Er muss durch drei, vier, zeitweise qualvolle Verwandlungen gehen.“
Nach einem Vergewaltigungsskandal im Umfeld der Schwedischen Akademie, die den Nobelpreis auslobt, wurde die Vergabe im vergangenen Jahr bekanntlich ausgesetzt. Nun wurde sie zusammen mit der diesjährigen nachgeholt: Olga Tokarczuk ist Preisträgerin für 2018, Peter Handke wird für dieses Jahr geehrt.