Der Traum der Teenies

von Redaktion

Das Take-That-Musical „The Band“ im Deutschen Theater

VON TOBIAS HELL

Was macht eigentlich den Erfolg einer Boyband aus? Wenn wir ehrlich sind, dann sind es weder die Songs noch die Outfits oder die Choreografie. Am Ende haben es die Fans in der Hand, wer zum Flop wird und wer Kult. Und so erzählt das Musical „The Band“, das im Deutschen Theater seine heftig beklatschte Münchner Premiere feierte, konsequenterweise keine mit Gary-Barlow-Songs untermalte Take-That-Biografie nach Schema F. Vielmehr erlebt man die herzschmerzende Geschichte von vier Freundinnen, die während der Jubiläumstour einer (bewusst namenlosen) Boyband noch einmal jenen Idolen hinterherreisen, denen sie ein Vierteljahrhundert zuvor nachschmachteten.

Jetzt, mit Anfang 40, ist bei kaum einer von ihnen das Leben so, wie sie es sich einst pubertär erträumten. Durch diesen unerwarteten Dreh hebt sich „The Band“ wohltuend von vielen anderen Gute-Laune-Stücken ab und bietet vor allem den „erwachsenen“ Damen des Ensembles reichlich Gelegenheit, sich in die Herzen des überwiegend weiblichen Publikums zu spielen. Angeführt von Silke Geertz, die als frustrierte Hausfrau Rachel den Stein ins Rollen bringt, bilden Laura Leyh, Heike Kloss und Yvonne Köstler ein liebenswertes Quartett, bei dem die Chemie zu hundert Prozent stimmt. Wobei es nicht schadet, dass die vier nicht nur treffsicher Komödie spielen können, sondern auch im arg rührseligen zweiten Akt genügend Fingerspitzengefühl haben, um nicht zusätzlich auf die Tränendrüse zu drücken.

Klischee-Fallen gäbe es genug. Die ehemalige Streberin hat sich im ersten Unisemester schwängern lassen, die zum „Wanderpokal“ des Fußballteams deklarierte Blondine findet die Frau ihres Lebens, und die nach Olympia schielende Turmspringerin riskiert nach Dauerfrustfressen bestenfalls noch Arschbomben vom Beckenrand. Wem solche Ausdrücke zu deftig sind, macht besser einen Bogen um die Show. Im Laufe des Abends gibt es nämlich mehr als einen Lesben-, Dicken- oder Penis-Witz.

Nicht unerwähnt bleiben darf die Take-That-Coverband. Die ist mit Alex Charles, Helge Lodder, Taddeo Pellegrini, Sario Solomon und DSDS-Veteran Prince Damien typgerecht besetzt. Selbst wenn es bei manchen Harmonien etwas wackelt, im Quintett schlagen sie sich schon recht ordentlich. Eine Solo-Karriere in Robbie-Williams-Dimensionen traut man dennoch kaum einem zu.

Da passt es, dass die ewig junge Band sich im Laufe des Abends optisch nicht wirklich verändert und im wahrsten Sinne des Wortes als Traum-Männer die Handlung eher untermalt als vorantreibt. Was auch daran liegt, dass sie meist in sanften Balladen und in den besten Momenten mit Augenzwinkern schmalzen dürfen, während Stimmungsmacher wie „Relight my Fire“ oder „Get ready for it“ den Power-Frauen und ihren Teenie-Pendants zugedacht sind. Bleibt die Frage, wie lange dieses Nostalgie-Rezept funktioniert, und wer demnächst noch alles seine alten Hits für eine Jukebox-Show recycelt. Ob wir in 25 Jahren zum Schlussmedley eines Lady-Gaga- oder Gabalier–Musicals in den Gängen tanzen? Oder ob sich hoffentlich kreative Köpfe gefunden haben, um das Genre mit neuer Musik und neuen Geschichten zu beleben? Schließlich lernen auch die Hauptdarstellerinnen dieser Hommage, dass es irgendwann Zeit ist, nach vorne zu schauen.

Bis 3. November,

Karten unter Telefon

089/55 23 44 44.

Artikel 6 von 9