Die Musikgeschichte folgt einem spezifischen Modus der Evolution: Was einst durch Innovation verschreckte, avancierte bald zum Klassiker. Genau solche Werke standen im Zentrum von Andrea Marcons Gastspiel bei den Münchner Philharmonikern. Haydns 39. Sinfonie gilt als Blaupause der Gattung, 2019 erzeugt eine Aufführung keine Irritationen mehr, vielmehr ein wohliges Hineinlegen in Vertrautes. Marcon, Fachmann für Alte Musik und Klangarchäologe, unterstützt den historisierenden Charakter mit kleinem Orchester und durchsichtigen Klängen.
Das gilt umso mehr für das dritte Konzert für Cello, Streicher und Basso continuo von Carl Philipp Emanuel Bach. Hier setzt sich der Dirigent wie seine Vorfahren in höfischen Diensten ans Cembalo, um den Solisten Jean-Guihen Queyras zu begleiten und das Orchester zu leiten. Bemerkenswert, wie der französische Cellist Persönlichkeit in sein Spiel legt – und das nicht zuletzt in der Zugabe: Johann Sebastian Bachs Sarabande aus der fünften Cello-Suite gleitet entrückt ins Leere.
Bei Beethovens zweiter Symphonie blüht nicht nur Dirigent Marcon auf, seinem Konzertmeister reißt im Eifer des Gefechts die Saite. Eine transparente, temperamentvoll beseelte Deutung – und doch ist der innovative Furor hier längst Vergangenheit, zelebriert wird die Evolution eines Klassikers. Alles in allem ein Konzert wie der goldene Herbst vor der Tür: mit warm und bunt schimmernden Farben, doch ohne die innovative Kraft eines frühlingshaften Neubeginns. Der Winter kommt. ANNA SCHÜRMER