Im Salzburger Sommer 2018 geschah es, als er dem wuchernden, vielgesichtigen Opus von Busoni noch eins draufsetzte. Nach „Ad nos, ad salutarem undam“, der Bearbeitung eines Liszt-Orgelwerks, das seinerseits einen Meyerbeer-Einfall paraphrasiert, wuchtete Igor Levit Beethovens „Hammerklavier-Sonate“. Dabei, und das war jetzt im Prinzregententheater zu bestaunen, verträgt der Busoni doch ein anderes Umfeld besser – zumal, wenn er von Levit so gedeutet wird.
Natürlich sind da die virtuosen Anforderungen. Doch klingt das bei Levit nie nach Maloche, nach (auch wohlfeilem) Donnern. Paradoxerweise hört man selbst in größten Verdichtungen der Fuge anderes heraus: Eleganz, eine substanzreiche Weite des Tons, auch Kurioses – als ob mit alten Formen „nur“ auf eine ziemlich verrückte Weise jongliert wird. Im Fantasie-Teil akzentuiert Levit noch die Kulissenwechsel und führt ein Opus vor, das zwiespältig, wie nicht seiner selbst sicher durch verschiedene Aggregatszustände tappt und wandelt.
Überhaupt schien sich in der Busoni-Fuge ein ganzes Konzert zu entladen: Bachs Violin-Chaconne aus der zweiten Partita, von Brahms fürs Klavier gesetzt, auch Busonis „Fantasia nach Johann Sebastian Bach“ sind bei Levit Momente der radikalen Verinnerlichung. Eine Introspektion, die das Drama und das Wunder im Kleinen sucht. Erst recht bei Schumanns unter enorme Binnenspannung gesetzten „Geistervariationen“.
Und dann auch noch Wagner. Liszt reduzierte im „Feierlichen Marsch zum heiligen Gral“ ohnehin das „Parsifal“-Pathos seines Schwiegersohns. Bei Levit wird das Stück zur fragilen, auch abstrakten Sache – die dem Material mehr Deutungsmöglichkeiten abgewinnt als das zugrunde liegende Bühnenweihfestspiel. Ein Abend der Bearbeigungen und Variationen, der logisch endete mit der Zugabe von Ronald Stevenson (1928-2015) – einer tiefschürfenden Meditation über Schostakowitsch. MARKUS THIEL