Zeitlose Schönheit

von Redaktion

Adam Baldych verbindet in der Münchner Unterfahrt Jazz mit geistlicher Musik

Es ist nicht alltäglich, dass Jazzmusiker Inspiration in geistlicher Musik suchen. Adam Baldych aber macht genau das. An den Anfang seines Konzerts in der Münchner Unterfahrt stellt der polnische Geiger eine Komposition von Hildegard von Bingen und transformiert die Musik der mittelalterlichen Mystikerin mit seinem Quartett einfühlsam improvisierend in die Sprache des globalisierten Jazz.

Zwar ist der 33-Jährige einst vom Konservatorium geflogen, weil er neben der Klassik auch Jazz spielte. Doch an technischer Meisterschaft und Klangkultur ist genügend hängen geblieben, sodass Baldych über jeden Zweifel erhaben ist. Klassische Ausbildung und Jazz-Temperament erlauben ihm, aus scheinbaren Gegensätzen etwas Eigenständiges zu kreieren, das weit über die plump arrangierten „Jazz meets Klassik“-Ehen der Vergangenheit hinausgeht.

Von der Renaissance bis zur zeitgenössischen Avantgarde reichen die zwischen Eigenkompositionen gestreuten Vorlagen. Sofia Gubaidulinas Konzert für Viola und Orchester etwa adaptiert Baldych für Klavier, Kontrabass und Schlagzeug und greift dafür selbst zur Renaissance-Geige. Das Archaisch-Ästhetische begegnet dem Komplex-Sperrigen, die strenge Form der improvisatorischen Freiheit. Zeitlose Schönheit wird in einem ganz und gar heutigen Sound reflektiert. Staunenswerte Virtuosität ist nicht Selbstzweck, sondern Voraussetzung, um tiefe Spiritualität adäquat in Klang zu übersetzen. Ein (zumal für einen Jazz-Club) außergewöhnliches Konzert eines Ausnahmemusikers. Und einmal mehr die Offenbarung: Tief berührende Musik ist keine Frage des Stils. REINHOLD UNGER

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