Ein fröhlicher Exerzierplatz – das ist das Theater für Regisseur und Bühnenbildner Herbert Fritsch. Er jagt seine Schauspieler tänzelnd und turnend, Beine schlenkernd und mit den Armen wedelnd, deklamierend, singend und fröhlich lispelnd von Gasse zu Gasse. Als Hampelmänner und -frauen lassen sie sich von Strippenzieher Fritsch rasant über die Bühne fegen. Immer perfekt, oft bestechend schön, teilweise sehr komisch, aber letztlich kalt.
Jetzt hat Fritsch an der Berliner Schaubühne Molières Komödie „Amphitryon“ inszeniert. Dem deutschen Tiefsinnherz liegt das gleichnamige Stück von Kleist näher als die pralle Komödie, mit der Molière das französische Hoftheater Ludwigs XIV. bedient hat. Doch für Fritsch ist es die ideale Vorlage; denn es ist frei von jeglicher Psychologie, er kann hier immer treu am Text seine blühende Fantasie schuldlos austoben.
Was aber wird aus einer Fritsch-Inszenierung, wenn in sein Schauspielerteam ein Neuling gerät, ein Bühnenstar und auch höchst erfolgreicher Romanschreiber, also wenn Joachim Meyerhoff dazustößt? Er hat Wien und das Burgtheater verlassen und ist seit dieser Spielzeit Ensemblemitglied der Schaubühne. In „Amphitryon“, seiner ersten Premiere hier, spielt er den Diener Sosias. Wie auch sein Herr Amphitryon (Florian Anderer) wird er Opfer des liebestollen Gottes Jupiter (Axel Wandtke), der die Gestalt des Kriegshelden annimmt, und seines Gehilfen Merkur (Bastian Reiber), der sich in Sosias verwandelt. Ziel und Zweck des Identitäten-Diebstahls ist das Bett der Alkmene (Annika Meier), der schönen Gattin des Feldherrn der Thebaner.
Wie auf die Bühne Geworfene entäußern sich die in so prachtvolle wie alberne Barockkostüme (Victoria Behr) gekleidete Schauspieler in einer altmodischen, bilderbogengleichen Gestik. Das ist Comédie-Française pur, übersetzt ins Witzig-Parodistische. Aber da können die Tanz- und opernhaften Gesangsensembles zwischen den Akten noch so grandios klappen, kann die durchgehende Musikbegleitung von Ingo Günther (am Flügel) und Taiko Saito (Marimbafon) noch so gut sein: In seiner Perfektion läuft sich der Abend tot. Am Ende wird man das Gefühl nicht los, dass Joachim Meyerhoff in die Fritsch-Mannschaft nicht hineinpassen könnte. Als Einziger billigt er seiner Figur Individualität zu. Die körperliche, artistische Virtuosität hat er allemal drauf, dazu ist aber immer noch ein Dahinter, eine zweite oder dritte Ebene des Seins, die existenzielle Not zu ahnen. Das weist über den Formalismus der Inszenierung weit hinaus. Sein Gesicht, seine Augen sind der Spiegel dessen, was sich im Innern des Sosias abspielt und was Regisseur Fritsch vermutlich gar nicht wissen will.
Nina Hoss, Lars Eidinger, Jörg Hartmann und jetzt Joachim Meyerhoff – die Schaubühne, ohnehin derzeit Berlins bestes Sprechtheater, wartet mit einem exzellenten Ensemble und starken Protagonisten auf. Meyerhoffs Einstand wurde am Premierenabend bejubelt. Da darf noch einiges erwartet werden. Der nächste wichtige Termin für ihn ist allerdings der 7. November in München. Da wird Meyerhoff bei der Verleihung des Bayerischen Buchpreises für seinen Romanzyklus „Alle Toten fliegen hoch“ mit dem Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten ausgezeichnet.
Nächste Vorstellungen:
18.,20., 31. Oktober sowie 1., 2. und 3. November, Telefon 030/ 89 00 23.