Diese Uhr ist der Hit

von Redaktion

Wie der Zeitmesser aus Dieter Thomas Hecks „Hitparade“ nach München kam

Die berühmtesten Uhren des deutschen Fernsehens waren immer im ZDF zu bewundern. Da war die „Sportstudio“-Bahnhofsuhr, die zur Titelmusik von Max Greger live die Zeit anzeigte. Und, noch legendärer, die „Hitparaden“-Uhr. Von 1969 bis Ende 1974 hing sie in Studio 1 der Berliner Union Film. Immer, wenn Dieter Thomas Heck zackig „Hier ist Berlin!“ rief, untermalt von James Last, war die Klappzahlenuhr im Bild, eine Solari Dator 10 aus Udine im Friaul. Seit er als Kind die „Hitparade“ sehen durfte, war Jörg Heinrich, Mitarbeiter unserer Zeitung, von dieser Uhr fasziniert. Und seit ein paar Tagen hängt sie bei ihm im Wohnzimmer – und macht ordentlich Lärm. Der „Hitparaden“-Fan erzählt die Geschichte von Hecks Uhr und verrät, wie eine der letzten Dator 10 jetzt nach München fand.

VON JÖRG HEINRICH

Zugegeben, meine Solari Dator 10 ist (soweit ich weiß) nicht das Original aus Berlin – aber exakt das gleiche Modell, das damals im Bild war, als bei Juliane Werding „Conny Kramer“ viel zu früh verschied, oder als Rex Gildo seine „Fiesta Mexicana“ feierte. In Ausgabe 66 der „Hitparade“ am 25. Januar 1975 verabschiedete das ZDF die Hossa-Uhr in den Ruhestand – weil sie keine Sekunden anzeigen konnte, und weil Dieter Thomas Heck deshalb bei der Zeitansage („19 Uhr, 30 Minuten und 56 Sekunden!“) immer improvisieren musste. Der Optikermeister Joachim Frisch aus Rotenburg an der Wümme ersteigerte das gute Stück damals für 5005 Mark zugunsten der Aktion Sorgenkind und hängte es bis 2001 in seinen Laden.

Dann ging ihm wahrscheinlich der Lärm auf die Nerven und er montierte sie ab. Denn: Die Uhr ist ein Trumm Teil aus Gusseisen, 61 Zentimeter hoch und breit, 22,5 Kilo schwer. Und die Blätter aus solidem Metall sorgen beim Umklappen für einen mordsmäßigen Rabatz. Das klingt dann, als würden Dieter Thomas Heck oder Regisseur Truck Branss von ihrer Wolke aus jede Minute persönlich an unser Dach hämmern. Akustisch besonders eindrucksvoll ist das zur vollen Stunde oder gar um Mitternacht, wenn mehrere Blätter gleichzeitig umschlagen.

Mittlerweile schalten wir die Dator nachts ab, damit sie meine Frau und mich nicht aus dem Schlaf reißt. Aber wir verzeihen ihr gern die Geräuschentwicklung. Denn die Uhr, die der berühmte Architekt Gino Valle aus Udine in den Sechzigerjahren gestaltet hat, ist ein mechanisches Meisterwerk. Ohne jegliche Elektronik tanzen ihre Blätter regelrecht Ballett. Und die zahllosen Rädchen, Federn und Stifte im Inneren sind so schlau konstruiert, dass die Dator 10 sogar Schaltjahre kennt. Den Uhren-Oldtimer zu bestaunen, ist faszinierender als Fernsehen. Immer zur vollen Stunde schauen wir besonders begeistert auf die Heck-Uhr, als würde gleich ein Kuckuck rausspringen.

Gut zwei Jahrzehnte hing die Uhr bei einem Wirt in Enschede in der Kneipe. Nun hat er sie nach einer Restaurierung an uns verkauft. Kees, der freundliche Niederländer, brachte die Dator 10 persönlich in München vorbei, weil ihm der Postversand zu riskant war. Nun hängt sie bei uns als Prunkstück an der Wohnzimmerwand – und bringt einen Hauch von „Hitparade“ nach München. Und ich weiß jetzt, warum Dieter Thomas Heck immer so gebrüllt hat: Er musste seine Uhr übertönen.

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