Wenn das keine freundliche Begrüßung war! Der lange, heftige Jubel nach der Eröffnungspremiere des Münchner Residenztheaters galt zwar zunächst mal der Aufführung, war aber sicher auch als Willkommen gedacht für den neuen Intendanten Andreas Beck und sein Team.
Denn das Stück allein, das man extra bei Ewald Palmetshofer in Auftrag gegeben hatte, kann einen solch enthusiastischen Applaus kaum rechtfertigen. „Die Verlorenen“ heißt diese Sprechoper des österreichischen Autors, die inhaltlich überwiegend den existenzialistischen Gedanken menschlicher Geworfenheit in eine Welt ohne Transzendenz aufwärmt: „Ist da wer?“, fragen die Akteure anfangs als Chor in die Dunkelheit des Zuschauerraumes hinein, aber natürlich ist da niemand, der, wie noch bei Rilke, „unser Fallen sanft in seinen Händen hält“, weil es für Palmetshofers Figuren „kein drüben“ gibt. Wenn die Rückwand der Bühne wegkippt, gibt sie den Blick in einen schwarzen, leeren Kosmos frei. Alles vergeblich, alles sinnlos, vergänglich und nichtig – der letzte Schrei ist das nicht.
Aber das macht nichts, denn der Clou bei Palmetshofer ist ja immer seine Sprache: Sie verschmilzt verstümmelte Sätze mit klassisch rhythmisierten Versen à la „Es muss mal wer mit dieses Kindes Eltern reden“. Das Ergebnis sind kunstvolle Stammel-Jamben und -Dithyramben, die wie eine Kreuzung aus Schiller und Werner Schwab daherkommen.
Der „hohe Ton“, der hier beschworen wird, steht natürlich im schrillen Kontrast zu den gegenwartsbezogenen Alltäglichkeiten dieser Geschichte um die überforderte Clara, die sich ins Haus ihrer verstorbenen Großmutter zurückzieht. Das steht am Waldrand in einem abgelegenen Kaff, in dem es nicht mal ein Wirtshaus gibt, sondern nur eine Tankstelle, wo zwei alternde Käuze ihre Biere nuckeln. Aber als ihr Ex-Mann und seine Frau samt Claras Kind auftauchen, kommt alles anders als gedacht.
Eigentlich sollte die Spannung zwischen Stoff und Sprache eine hinreißend groteske Komik erzeugen, bei der untergründig ein Zug ins Tragische mitweht. Dass das an diesem Abend nur bedingt funktioniert, liegt zum einen daran, dass der Autor an das Stück unvermittelt einen bemühten Sozio-Krimi-Schocker-Schluss dranhängt. Und es liegt zum anderen an der grundsoliden, handwerklich sehr gekonnten (und leider zu wenig gekürzten) Inszenierung der neuen Hausregisseurin Nora Schlocker. So gediegen staatstheatralisch hätte sie aus lauter Respekt vorm Dampfschiff Residenztheater nicht aufspielen lassen müssen. Als abgründige Farce hätten diese „Verlorenen“ bestens funktionieren können, wenn die Regie dem absurden Drall der Sprache gefolgt wäre, wenn sie die boulevardesken Ansätze konsequent ins Grell-Groteske überdreht hätte, statt in traditionelle Figuren-Psychologie zurückzufallen – was die wunderbare Künstlichkeit von Palmetshofers Tonfall neutralisiert, die man doch penibel ausstellen müsste.
Die minimalistische, einzig mit einem Kreuz an der Wand ausgestattete Bühne wäre dafür auch bestens geeignet: Irina Schicketanz hat einen steilen weißen Guckkasten installiert, der an einen Bilderrahmen erinnert. Weil dieser erlesen leere Raum die Aufmerksamkeit ganz auf die Akteure lenkt, bietet der Abend eine schöne Gelegenheit, neben den alten Bekannten Arnulf Schumacher, Sibylle Canonica und Ulrike Willenbacher auch etliche der neuen Schauspieler kennenzulernen. Florian von Manteuffel und Pia Händler etwa als Patchwork-Elternpaar, nach dem das Stück auch „Die Verpeilten“ heißen könnte.
Nächste Vorstellungen
am 26. Oktober sowie am 1., 2., 6., 10. und 13. November;
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