An Roland Petits „Coppélia“ (1975) scheiden sich die Geister. Die einen finden sein Ballett nach E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ von 1812 verflacht, verkitscht, und damit als Staatsballett-Neuerwerb verfehlt. Die anderen ließen sich jetzt bei der Premiere im Münchner Nationaltheater verführen von Petits leichter choreografischer Hand, von seinem Humor – nicht zuletzt zum Mitschweben auf diesen Walzern, Mazurkas und Csárdás von Léo Delibes. Dem 34-jährigen Komponisten gelang 1870 just mit diesem Auftragswerk für die Pariser Uraufführung von Nuitter/Saint-Léon der Durchbruch. Und das Staatsorchester unter Anton Grishanin erwies dieser satt melodischen Partitur auch höchst einfühlsam alle Ehre.
Was jetzt? Passend fürs Staatsballett oder nicht? Für die Ballettbühne verschlichtet wurde diese gruselige psychopathologische „Sandmann“-Geschichte auch in all den anderen „Coppélia“-Versionen seit 1870. Aber nun, o mon dieu!, hat der Franzose Petit, zugeneigt der Revue, dem Broadway, dem Film (er choreografierte für „Daddy Long Legs“ und „Anything goes“), dieser klassischen „Coppélia“ aus dem 19. Jahrhundert einen Spritzer Revue beigemengt.
Aber das Wagnis – 1975 war es eines – funktioniert ja bestens. Auf dem Kasernen-Vorplatz einer kleinen galizischen Stadt treffen sich zwölf muntere Biedermeier-Dämchen, auch mal mit kess wippendem „derrière“. An der Seite ihrer zackig schreitenden (Fantasie-)Husaren ziehen sie in abgezirkelten Parade-Formationen zügig über die Bühne. Das hat natürlich Revue-Charakter. Aber in der kantigen Präzision ihrer Gesten erkennt man Roland Petits ironisches Schmunzeln über willigen militärischen Drill und zugleich seine Verknüpfung mit dem Thema.
Sie alle sind Marionetten – wie die Puppen des Dr. Coppélius. Für dessen Coppélia, hoch am Fenster entfernt geheimnisvoll, fliegt Denis Vieira als Franz in „grand jeté“-Manegen dahin. Und wirft der Angebeteten Kusshände zu, während er gleichzeitig – Vieira gelingt hier so recht der Filou – Virna Toppi, seine strahlende Swanilda, durch knifflige Partnerfiguren führt und hält. Toppi, zu Beginn noch nicht ganz „warmed-up“ für die teuflischen Petit-Pirouetten, liefert dafür ein rasend schnelles Spitzenfeuerwerk, das von dem legendären Pädagogen Enrico Cecchetti inspiriert sein könnte. Man merke: Die Protagonisten sind mit klassischer Technik voll ausgelastet.
Toppi serviert als vorgetäuschte Puppe dem begeisterten Mechanikus auch lässig Bolereo und schottische Gigue. Aber darstellen müssen die Protagonisten auch. Denn bei all seiner Beschlagenheit in Sachen Ballett war Petit vor allem ein Erzähler. Darum hat er das Ur-Libretto von Charles Nuitter auch radikal verschlankt: keine Glockenweihe mit Schlossherr, Bürgermeister, Popen und Bauernvölkchen, keine folkloristischen Ensembletänze, auch keine Ansammlung von tanzenden exotischen Puppen. In einer Glasvitrine sind lediglich ein paar Puppenteile zu sehen.
Petit konzentrierte sich, verknappt gesagt, im Grunde auf die Coppélius-Rolle, die er ja auch selbst kreierte: Luigi Bonino, seit 1975 bei Petit Tänzer, Assistent, nach Petits Tod 2011 weiterhin Coach – und immer noch Dr. Coppélius. In dieser Premiere erlebt man ihn als chaplinesken Conférencier im schwarzen Frack. Seine Gesten sind kurz, begleitet von verschmitzten Blicken – gelegentlich auch, wie im Kabarett üblich, zum Publikum gewendet. Behände gleitet er hin und her, dreht sich mit der Puppe, deren Beine an seinen Schuhen befestigt sind, in einem wild skurrilen Walzer. Es ist die Performance eines Meisters, der mit dieser Rolle seit Jahren lebt. Man könnte sie – und das ist der Vorteil einer pointiert darstellerischen Szene – auch ruhig gegen das ursprünglich beabsichtigte Augenzwinkern anders gestalten: vertiefend, ernsthaft die Einsamkeit dieses Puppenmachers herausstellend, seine Sehnsucht nach einem lebendigen Wesen zum Lieben. Aber dazu ist ja vielleicht Gelegenheit bei den noch folgenden Besetzungen. Jedenfalls ist diese „Coppélia“ ein unterhaltsamer Abend, der einen heiter in den Alltag entlässt.
Nächste Vorstellungen
heute in der Besetzung: Luigi Bonino als Coppélius, Laurretta Summerscales als Swanilda, Yonah Acosta als Franz; am 25. Oktober mit Javier Amo als Coppélius, Maria Baranova (Swanilda), Dimitrii Vyskubenko als Franz. Am 26. Oktober tanzt Sergei Polunin den Franz; Telefon 089/21 85 19 20.