Auf der Stuhlkante

von Redaktion

Die BR-Symphoniker boten unter Mariss Jansons Werke von Beethoven und Schostakowitsch

VON TOBIAS HELL

Es ist nicht unbedingt so, dass in den klassischen Abonnement-Reihen ein Mangel an Beethoven herrschen würde. Gerade hinsichtlich des bevorstehenden Jubiläumsjahres bieten sich – um es positiv zu formulieren – zahlreiche Gelegenheiten zum Interpretationsvergleich. Trotzdem kann man es einem Beethoven-Spezialisten wie Rudolf Buchbinder nicht verübeln, dass auch er sich in diesem Kontext  ein  weiteres Mal den Klavierkonzerten seines Leib-und-Magen-Komponisten widmet. So unter anderem im Münchner Gasteig mit den Musikerinnen und Musikern des BR-Symphonieorchesters. Sie erwiesen sich beim Konzert Nr. 2 unter der klaren und unaufgeregten Stabführung von Mariss Jansons als zuverlässige, kammermusikalisch denkende Partner auf Augenhöhe. Und es spricht für den Pianisten, dass sich selbst nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit Ludwig van Beethoven kaum je der Eindruck von Routine einstellte. Während besonders der langsame Mittelsatz für sich einnahm, strahlte das anschließende Rondo allerdings doch eine gewisse Abgeklärtheit aus, die man eher intellektuell als emotional zur Kenntnis nahm.

Umso aufwühlender die nach der Pause folgende Schostakowitsch-Zehnte. Im Vergleich zu seiner eigenen Studioaufnahme und einem jüngst veröffentlichten Livemitschnitt des BR von 2010 schien sich Mariss Jansons inzwischen etwas mehr Ruhe zu gönnen. So im ersten Satz, in dem die Streicher düster grollend heranschlichen. Oder im tänzelnden dritten, bei dem die markanten Einwürfe der in Hochform aufspielenden Holz- und Blechbläser bedächtig herausgearbeitet wurden, dies jedoch ganz ohne belehrenden Zeigefinger. Deshalb von Altersmilde zu sprechen, wäre dennoch unangebracht: angesichts der Unnachgiebigkeit, mit der sich Jansons etwa in das scharfzüngige Scherzo stürzte, bei dem Orchester und Publikum gleichermaßen auf der Stuhlkante saßen. Dass Jansons’ Lobreden auf Schostakowitsch keineswegs nur Lippenbekenntnisse sind, sondern tatsächlich aus tiefstem Herzen kommen, dürfte allerspätestens nach diesem Abend niemand mehr bezweifeln.

Artikel 6 von 8