Das Witzpotenzial ausloten

von Redaktion

INTERVIEW  Arnulf Rating über den Ehrenpreis des Bayerischen Kabarettpreises und die Satire

Er „seziert die Behauptungen von Politik und Medien und bricht sie auf das herunter, was sich oft hinter dem marktschreierischen Gedröhne verbirgt – Panikmache und Desinformation“, so heißt es in der Begründung der Stifter über die Kunst von Arnulf Rating. Der 68-Jährige, einst Mitbegründer der legendären Berliner Kabarettgruppe Die drei Tornados, erhält heuer den Ehrenpreis des Bayerischen Kabarettpreises. Der Mann mit der markanten Clownsfrisur tingelt seit langem solo durch die Republik, sein aktuelles Programm heißt – als Reminiszenz an alte Zeiten – „Tornado“. Ein Gespräch vor der Preisverleihung heute Abend im Münchner Lustspielhaus.

Sie sind Wahl-Berliner und bekommen den Bayerischen Kabarettpreis. Wie passt das zusammen?

Das hat insofern eine gewisse Berechtigung, als das erste Buch, das ich als Junge gelesen habe, die „Lausbubengeschichten“ von Ludwig Thoma waren. Außerdem ist mein Lieblingsschriftsteller Lion Feuchtwanger. Und ich habe – wenn auch sehr spät – zu Karl Valentin gefunden.

Das heißt, es war nur eine Frage der Zeit, bis Sie diesen Preis bekommen?

(Lacht.) Ja!

Den Ehrenpreis gibt es ja in der Regel für das Lebenswerk. Für Sie ein Anlass, zurückzuschauen auf Ihre Karriere?

Bisher habe ich immer nach vorne geschaut. Aber ich bin jetzt doch öfter auf Beerdigungen, auf denen ja immer zurückgeschaut wird. Und wenn ich das dann auch mache, dann stelle ich fest, dass wir eigentlich wenig erreicht haben.

Hat sich Deutschland nicht verändert?

Ja und nein. Als wir angefangen haben, Kabarett zu machen, war Deutschland in Sachen Humor ein Entwicklungsland. Deswegen haben wir uns der Spaßguerilla angeschlossen, nach dem Motto: „Ein Lächeln wird es sein, das Euch beerdigt.“ Und jetzt ist es so, dass das ganze Land lacht. Permanent.

Das klingt doch positiv.

Na ja, manchmal reizt es mich schon, auch mal einen ernsten Satz zu sagen. Aber vielleicht liegt das am Alter.

Stichwort Spaßguerilla – Sie haben mit den Drei Tornados angefangen. Wie hat sich das Kabarett seit damals verändert?

Das Kabarett hat sich nicht verändert, wir haben uns verändert. Damals, nach 1968, herrschte eine Aufbruchstimmung, da hatte der Begriff Alternative noch einen ganz anderen Klang als heute, in Zeiten der AfD. Wir hatten Lust auf Veränderung. Das hat sich heute umgekehrt, heute haben alle Angst vor Veränderung und die Sorge, den Status quo nicht halten zu können. Obwohl Status quo  heißt, dass wir von allem ständig mehr haben. Der Golf von 1974 war ein großes Auto, heute würde der nur noch als Lupo durchgehen.

Früher haben sich die Satiriker an den großen Volksparteien SPD und CDU abgearbeitet, die es ja heute nicht einmal mehr zusammen auf  50 Prozent bringen. Sind Ihnen die Gegner abhanden gekommen?

Das unterstellt ja, dass die Parteien etwas gestalten, wofür oder wogegen man sein kann. Ich glaube längst nicht mehr, dass die Parteien etwas gestalten. Die rennen nur noch hinterher.

Wer gestaltet dann?

Grob gesagt der Markt und die Menschen, die den Markt kontrollieren.

Das Wirken der Drei Tornados in den Siebziger- und Achtzigerjahren war von Auftrittsverboten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen begleitet. So etwas müssen Kabarettisten von heute nicht mehr befürchten.

Weil es heute einfach viel mehr Kanäle gibt. Früher wurde den Medien eine ungeheure Macht zugesprochen, die sie in gewisser Weise ja auch hatten, aber das ist vorbei. Heute kann – frei nach Andy Warhol – jeder für 15 Minuten berühmt werden. Deswegen ist es ja ein Treppenwitz der Weltgeschichte, dass Josef Joffe (Herausgeber der „Zeit“, Red.) juristisch gegen die „Anstalt“ des ZDF vorgegangen ist. Einen größeren Erfolg kann eine Satiresendung gar nicht haben. Aber Politiker gegen sich aufzubringen, ist schwieriger geworden. Die sind smarter geworden, selbstironischer, die gehen ja freiwillig in die „heute show“, so etwas hätte es früher nicht gegeben.

Wir feiern demnächst 30 Jahre Wiedervereinigung…

Dabei ist Deutschland gespalten wie eh und je. Es gibt zwei deutsche Staaten, aber das sagt ja schon die Nationalhymne: „Deutschland, Deutschland…“

War die Mauer die „tragende Wand“, als die sie Ihr Kollege Matthias Deutschmann mal bezeichnet hat?

Die Mauer war ein stabilisierender Faktor. Es war uns egal, was unsere Väter getan haben, Hauptsache wir konnten gegen den Kommunismus kämpfen. Und jetzt, da es diese Konfrontation nicht mehr gibt, sieht man die anderen Konflikte, die es im Grunde immer schon gab, zwischen Arm und Reich, zwischen den Besitzenden und denen, die von ihnen abhängig sind. Wenn man dieses Thema angeht, wie aktuell beim Mietendeckel in Berlin, wenn man an die soziale Bindung des Eigentums erinnert, macht man sich sehr schnell sehr viele Feinde.

Was heißt das für das Kabarett?

Dass es immer eine Zukunft hat, wenn es aktuell bleibt, wenn es sich mit dem auseinandersetzt, das Witzpotenzial dessen auslotet, was die Menschen bewegt oder bedrückt. Ich habe keine Angst, dass uns da die Arbeit ausgeht.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

Artikel 1 von 11