Weiter, immer weiter dreht sich die Welt. Da können die „Sommergäste“ noch so sehr palavern, saufen, lieben und streiten – den Lauf der Zeit können sie nicht aufhalten. Zunächst kaum merklich ist die Bühne im Münchner Residenztheater permanent in Bewegung. Johannes Schütz hat für Joe Hill-Gibbins’ Inszenierung von Maxim Gorkis 1904 uraufgeführtem Drama nur ein paar Wohlfühlinseln auf eine graue Scheibe gebaut: ein Platz, an dem der Grill steht; ein Platz für den Alkohol; ein Platz mit Kissen zum Ausruhen. Der Rest der Sommerfrische, die die Gäste des Anwalts Bassow und seiner Frau Warwara Michaj- lowna mal mehr, häufig weniger genießen, bleibt Behauptung.
Essen, saufen, schlafen – etwas anderes wollen die Anwälte, Ingenieure, Ärzte aber auch nicht, die Gorki (1868-1936) in seinem mit „Szenen“ untertitelten Stück porträtierte. Ein Jahr nach dessen Uraufführung wurde die Existenzberechtigung von Russlands Intelligenz und Großbürgertum, die uns in diesem Text begegnen, durch die Revolution infrage gestellt. „Sommergäste“ kündet bereits davon – und erzählt von der Feigheit vor dem Leben.
Das macht das Drama aktuell, schließlich werden wir hier mit Menschen konfrontiert, die erkennen, was schiefläuft. Die zur Analyse und Reflexion zwar fähig sind, die aber nichts tun, um irgendetwas zu ändern – stattdessen ersäufen sie ihre Gedanken im Alkohol oder betäuben ihre Emotionen sonst irgendwie. Daraus lassen sich natürlich Funken schlagen für ein Theater, das von der Gegenwart berichtet, ohne sich jedoch an diese anwanzen zu müssen.
Evgeny Titov hat genau das im Sommer gezeigt: Er sezierte Gorkis geschlossene Gesellschaft bei den Salzburger Festspielen in einer dichten, genau gearbeiteten Inszenierung. Er rückte die Frauen in den Fokus seiner Arbeit und gestattete sich und dem Publikum am Ende einen hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft. Der Theatermacher aus Kasachstan hatte also eine Idee und einen schlüssigen Zugriff auf den Stoff.
Davon ist nun am Residenztheater wenig zu spüren, wo am Freitag Premiere war: Joe Hill-Gibbins‘ zweieinviertel Stunden langer Abend (keine Pause) schnurrt zwar solide dahin. Doch bleibt dabei unklar, was der britische Regisseur eigentlich erzählen will. Statt die existenzielle Wucht der Vorlage zu analysieren, Themen und Figuren auf eine mögliche Zeitgenossenschaft zu untersuchen, stellt die brav bebilderte Produktion die „Sommergäste“ im hellen Licht aus. Mit den guten Ansätzen, die es natürlich gibt, weiß Hill-Gibbins kaum etwas anzufangen. Die Idee der sich ständig bewegenden Drehbühne etwa wird grundlos durch Tempo-Variationen verwässert. Das Sinnbild fürs unerbittliche Zerrinnen der Zeit, die unbeteiligt über Gorkis Personal hinwegtickt, ist bei jeder Taktänderung futsch.
Auch dem engagierten Ensemble, in dem sich bekannte Gesichter mit den Neuzugängen auf Augenhöhe begegnen, wäre ein packender Regieansatz zu wünschen gewesen. Den 14 Schauspielerinnen und Schauspielern gelingt dennoch mitunter Überzeugendes. Allen voran Brigitte Hobmeier, die sehr umsichtig den Konflikt zeigt, in dem sich ihre Warwara befindet: Diese hellwache Frau glaubt, abhängig von einem Mann zu sein, der sie gönnerhaft zum Bierholen schickt. Unfähig, ihr Leben in die Hand zu nehmen, explodiert Warwara als auch die Rettung von außen, durch den von ihr verehrten Schriftsteller Schalimow, ausbleibt.
Vor allem aus dem Zusammenspiel von Hobmeier und Robert Dölle als Warwaras Mann Bassow zieht die Inszenierung etwas Spannung. Und wenn sie ihm, wenn er mal wieder volltrunken ist, die Hose aufknöpft – nur um ihm wie einem Buben das Hemd ordentlich in den Bund zu stecken, ist das ein rarer Moment voller Kraft und Esprit. Hier offenbart sich, wie viel Potenzial an diesem Abend ungenutzt geblieben ist.
Freundlicher Applaus.
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