Am Ende erst einmal: Irritation und leicht verunsichertes Klatschen, das aber bald in lautstarken Jubel mündet. Die Uraufführung von „Olympiapark in the Dark“ im Münchner Marstall verlangt dem Publikum einiges ab, das verdaut werden muss.
Acht Musiker und Schauspieler agieren – zum Teil jeder für sich alleine –, führen Monologe, interagieren dann wieder, während multimedial wilde Assoziationsketten ausgelöst werden. Um den Olympiapark geht es in Wahrheit kaum, weder akustisch noch visuell, sieht man von ein paar spielerischen Referenzen ab. Das macht nichts, denn der Park steht eher für eine klangliche Reflexion zur Geschichte Münchens – und in nur 90 Minuten bricht da einiges auf den geneigten Zuschauer ein. „Bild in Klängen“ untertitelt Regisseur Thomas Luz diese Versuchsanordnung, inspi- riert von Charles Ives’ Komposition „Central Park in the Dark“.
Alles ist Klang, jedes Objekt ein Instrument; und Lautstärke, Harmonie oder Dissonanz erzählen viel, beispielsweise über Geschichte. Es gibt keine klassische Dramaturgie, das Publikum im Saal wird mitunter direkt angesprochen, dann wieder völlig ignoriert. Streckenweise steht die Musik im Mittelpunkt, dann wieder das Wort und gelegentlich auch die Stille. Das bemerkenswerte Ensemble wandelt souverän durch diese Konstellation der Gedankensprünge und szenischen Abschweifungen. Der Satz „Ich schweife ab“ fällt übrigens oft. Und zwar immer dann, wenn es ernst und klug wird. Ein cleverer Schachzug, das vermeintlich Wichtige als redundant zu entlarven und die Wahrheit zwischen den Zeilen und Gedanken zu suchen.
Geräusche und Musikfetzen geistern immer mal wieder als Aufzeichnung durch den Raum. Was aktuell an Tönen erzeugt wird, und was nur ein Widerhall aus der Vergangenheit ist, das verschwimmt. Und letztlich reißt der Schall für immer, 1921 klingt noch nach – und das mit demselben Recht wie 2019.
Ein verwegener Versuch, in dem sich die Akteure auf der Bühne auch angesichts widrigster Umstände Präsenz ertrotzen und dem Stück auch mal damit dienen, sich außerhalb zu stellen, bildlich gesprochen. Aber die Arbeit, sich darauf einzulassen, lohnt sich: „Olympiapark in the Dark“ entwickelt einen regelrechten Sog, und man kann sich seine eigenen Gedanken zum Zusammenhang von Geräusch und Wirkung machen. Begeisterung im Marstall, wie erwähnt, nach einer Sekunde der stummen Überwältigung. Was sehr gut passt.
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am 28. 10., 2. und 4. 11; Telefon 089/21 85 19 40.