Als Ernst Augustin 2012 erfuhr, dass er für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde („Robinsons blaues Haus“, C.H. Beck Verlag), kommentierte er im Gespräch mit unserer Zeitung seinen ewigen Geheimtipp-Status mit Humor: „Ich hatte 50 Jahre Zeit, mich daran zu gewöhnen. Ich gehöre eigentlich nicht zum Literaturbetrieb. Erstens komme ich nicht von hier, zweitens habe ich ein ganz anderes Weltbild. Mich langweilt die bundesdeutsche Wirklichkeit. Mich interessiert die pure Existenz, das Dasein.“ Wer publikumswirksam schreiben wolle, müsse sich soziale Themen suchen oder die Sparte der Selbstfrustration bedienen, erklärte Augustin – „mich interessiert das alles nicht“. Der Autor, der als einer der großen deutschen Schriftsteller gilt, ist am 3. November mit 92 Jahren in München gestorben.
Sein Haus in Neuhausen war sein Refugium – auch und besonders, als er nach einer Gehirntumor-Operation fast blind war. „Ich betrachte unser Umfeld als Wildnis, in der es sich wohnlich einzurichten gilt. So empfinde ich dieses Leben. Ich habe nun ein gewisses Alter, und da steht für mich fest: Ich habe mich hier eingerichtet. Und das sehr gut“, erzählte Augustin bei einem Besuch unserer Zeitung in seinem Heim. Die Schiffskajüte war die Bibliothek, die sich der Schriftsteller in sein Haus gebaut hatte. Die Holzverkleidung stammt zum Teil von alten Betten. Das Treppenhaus hatten seine Frau und er ausgemalt – feiner Marmor blitzte von den Wänden. Und im Keller hatte Augustin, der das Salsatanzen so liebte, eine rundum verspiegelte („auch die Decke!“) Diskothek gebaut.
Kein Wunder also, dass der Dichter ebenso schrieb – schließlich war er nicht nur sehr fantasievoll, sondern auch Arzt und Psychiater. So sind die Außenräume, die er in seinen Romanen entwirft, immer die Innenräume der Protagonisten: Die menschliche Seele zeigt uns Augustin in ihrer atemraubenden Architektur – dennoch erzählt er spielerisch leicht davon. „Nur im Spiel“, sagte Ernst Augustin im Gespräch, „können Sie Dinge bewältigen, die Sie ernsthaft gar nicht bewältigen können. Ich lass die Leser teilhaben an meinem Spiel.“
Ernst Augustin wurde 1927 in Hirschberg im heutigen Polen geboren, aufgewachsen ist er in Schwerin. Zunächst studierte er Medizin in Rostock, dann in Ost-Berlin, wo er nach der Promotion an der Nervenklinik der Charité arbeitete. 1958 kam das Angebot, in Afghanistan ein Krankenhaus zu leiten: „Das war meine Rettung“, berichtete er. Augustin blieb drei Jahre in Kandahar. Danach arbeitete er in München als Arzt. 1962 erschien sein erster Roman, „Der Kopf“.
Nun wird Augustin sich erneut „einrichten“, in einem ganz anderen Umfeld.