Punkrock akustisch, funktioniert das? 2005 schnitten die Toten Hosen mit Campino ein Unplugged-Konzert im Wiener Burgtheater mit, das dann als Album erschien. Auf Tour gingen sie mit dem Programm jedoch nie. Das ändert sich nun, und aus diesem Grund gibt es eine neue akustische Platte: „Alles ohne Strom“. Anstatt aber die Klassiker einfach leiser, weil akustisch zu spielen, fand man neue Arrangements und arbeitet mit Bläsern und Streichern zusammen. Am 30. Juni 2020 kommen sie in die Münchner Olympiahalle. Wir sprachen mit Campino.
Das Schwierigste bei einem Konzert der Toten Hosen ohne Strom dürfte es sein, das Energielevel zu halten.
Es war uns sehr wichtig, dass wir davon nicht zurückstehen. Ein gutes Beispiel sind da die Balkanbands, die auf Hochzeiten, Beerdigungen und anderen Gelegenheiten spielen. Da tanzen am Ende alle und schwitzen. Bei uns muss das genauso sein. Punkrock und Balkanbands sind da nicht so weit voneinander entfernt. Genau dort möchte ich hin. Es soll auf keinen Fall ein lascher Abend werden.
Sind die Bläser entscheidend?
Auf jeden Fall. Bläsersätze sind einfach sensationell. Ich habe ja auch ein wenig Trompete gespielt.
Und in diesem Projekt?
(Lacht.) Ich könnte da ein paar einfache Lines mitspielen, um den Sound zu verstärken. Aber unsere Musiker hier sind totale Cracks, die blasen mich an die Wand. Sie machen unglaublich Power. Wenn da einer ein wenig falsch spielte, klänge es gleich schrecklich.
Wie war die Zusammenarbeit mit Musikern aus so unterschiedlichen Lagern?
Die Streicher kommen alle von der Düsseldorfer Musikhochschule. Sie sind auch ganz anders drauf als die Bläser, die ziemlich lässig sind, weil sie ohnehin oft für Tanzabende gebucht werden. Die kennen das Entertainment, während die Streicher eine Ecke introvertierter sind. Die große Aufgabe war es, alle zusammenzubringen.
Das gilt wahrscheinlich aber auch für den Gesang?
Klar. Ich muss darauf achten, dass ich nicht so zugedeckt bin wie sonst und zum Beispiel die Vokale ganz anders rüberbringe. Die Konzentration auf den Gesang ist einerseits größer als bei einer normalen Rockshow. Andererseits kann ich das entspannt angehen, denn ich laufe bei der Show nicht so viel von links nach rechts. Es ist auf eine andere Weise anstrengend und kraftraubend.
Geht Ihnen das Hin- und Herlaufen nicht ab?
Das kann ich erst sagen, wenn die Tour vorbei ist. Entscheidend ist, dass die Kommunikation mit dem Publikum ganz anders funktioniert. Hier kann man das Eis auf eine andere Weise brechen. Es ist zum Beispiel viel mehr Raum da, um Geschichten zu erzählen.
Das Album und die DVD sind in der Düsseldorfer Tonhalle entstanden. Die ist heimelig – verglichen mit der Olympiahalle.
Wir arbeiten gerade aus, wie es funktioniert, dass man bis in die letzte Reihe verstanden wird. Es ist wie beim Theater. Auf einer kleinen Bühne müssen die Gesten nicht so ausufernd sein wie auf einer großen. Ohne Leinwände ginge es in der Olympiahalle auch gar nicht. Man muss die Bewegungen, die Gesichter sehen.
Bei Ihrer vor Kurzem erschienenen Tour-Doku ist eine der besten Szenen, das Leuchten in den Augen von Breiti, als er auf die Bühne kommt und das Publikum sieht.
So sollte es sein. Das ist toll, dass dies im Film festgehalten werden konnte. Nur wenn man sich selbst freut, auf die Bühne zu gehen und für die Leute zu spielen, kann man auch für ein schönes Erlebnis sorgen.
Geben Konzerte ohne Strom mehr Gelegenheit, Balladen zu singen?
Das Wort Ballade nehme ich nur ungern in den Mund. Es sind einfach Lieder. Aber es stimmt schon, dass ruhigere Songs in dieser Besetzung besonders ihre Wirkung entfalten können. Bei einem normalen Hosen-Konzert gibt es vielleicht zwei oder drei Mal die Möglichkeit, das Tempo ein wenig zu drosseln. Es dauert ja dann auch, bis man das Energielevel wieder heben kann. Bei diesem Projekt haben wir mehr Zeit dafür. Es darf halt nie schmalzig werden! Texte bekommen auch ein ganz anderes Gewicht.
Das merkt man auch beim Konzertintro à la Comedian Harmonists mit dem Song „Entschuldigung“.
Das war ein sehr lustiger Moment bei den Proben. Als das Stück damals auf dem Album „Unsterblich“ erschien, ist es total untergegangen. In dieser neuen Form verstehen die Leute plötzlich die Ironie des Textes.
Ihr singt das mehrstimmig nur zur Klavierbegleitung. Nicht jeder ist ein ausgebildeter Sänger. War das schwierig hinzubekommen?
Ein Gesangslehrer kam und hat die Harmonien für uns festgelegt. Dann hat er mit jedem von uns Einzelproben durchgeführt. Und jeder für sich hat täglich unter der Dusche geübt.
Die Bandbreite ist recht groß. Es geht vom Berliner Lied über Shantys bis hin zu lateinamerikanischen Ska. War das von Anfang an die Absicht?
Auf jeden Fall. Wir hatten hier die Chance, uns in alle Richtungen auszutoben. Wenn zwei ähnliche Lieder zur Auswahl standen, haben wir uns immer für den Song entschieden, der wieder eine neue Note einbringt. Es gibt uns auch die Möglichkeit, unser Repertoire anders wirken zu lassen. Als Nirvana ihre Unplugged-Platte rausbrachten, fand ich das sehr beeindruckend. Seitdem hat mich die Idee nicht losgelassen.
Das Gespräch führte Antonio Seidemann.
Das Konzert
am 30. Juni ist ausverkauft; Zusatzkonzert: 1. Juli; Ticket: shop.dietotenhosen.de.