Wenn ein Neil Simon auf dem Spielplan steht, ist das die Garantie für „First Class Boulevard“: leichte, sprachwitzige Komödie, dabei immer mit Tiefgang. Im August vergangenen Jahres ist der US-amerikanische Dramatiker 91-jährig gestorben. Seine Stücke, oft für Film und Fernsehen adaptiert, bleiben aber weltweit Evergreens – einfach nicht kaputt zu spielen sind „Barfuß im Park“, „Ein seltsames Paar“ und „Sonny Boys“.
Letzterer Text (1972 unter dem Originaltitel „The Sunshine Boys“ erschienen) ist die Geschichte zweier angegrauter Schauspieler, die sich wie in ihren 43 gemeinsamen Bühnenjahren auch jetzt noch hassen und schätzen. Premiere ist heute in der Münchner Komödie im Bayerischen Hof. Wir trafen die „Sonny Boys“ Friedrich von Thun und Peter Weck bei den Proben zum Gespräch. Beide Schauspiellegenden haben eine längere Theaterpause gemacht – jetzt wünschen sich die Herren wieder „den Live-Kontakt mit dem Publikum, dieses Feedback, ob man etwas gut oder nicht so gut gemacht hat“. Dafür nehmen von Thun, Jahrgang 1942, und Weck, 1930 geboren, gerne das anstrengende Ensuite-Spielen auf sich. Aber offensichtlich sind sie von Mutter Natur mit beneidenswerten Fitness-Genen ausgestattet: keine merkbare Erschöpfung nach immerhin gut vierstündiger Probe!
Friedrich von Thun ruht in seiner Körperlichkeit, in seiner sonoren Stimme. Seinen Oberst Pickering – eine kleinere Rolle in „My Fair Lady“ am Münchner Gärtnerplatztheater – lobte unser Kritiker nach der Premiere 2018 als „jovialen Ruhepol“. Genau das Gegenteil verkörpern muss er nun als Willie Clark: einen grantelnden Alt-Schauspieler, eingebunkert in einem billigen Hotel, insgeheim auf eine Fernsehrolle hoffend. Die beschafft ihm tatsächlich sein Neffe, allerdings in einem Nostalgieprogramm, also zusammen mit Ex-Partner Al Lewis, der sich vor elf Jahren abgeseilt hat.
Peter Weck, bereits 2008 am Wiener Volkstheater als Willie zu sehen, hat nun „interessiert den Al übernommen“ und damit wohl Regisseur Peter M. Preissler ein ideales Duo beschert. „Wir haben schon einige Produktionen zusammen gemacht“, sagt von Thun, „einige auch unter Peter Wecks Regie“.
Der Österreicher Weck, ein Rundumtalent: Wiener Sängerknabe, Student der Wiener Hochschule für Musik und Kunst, Schauspieler, Theaterproduzent, Generalintendant der Vereinigten Bühnen Wien, Moderator von Musiksendungen. Dazu Inszenierungen für Film, Fernsehen und Musical. Viel Schlaf brauchte er wohl nie? „So beiläufig habe ich das alles nicht gemacht. Ich bin sehr selbstkritisch“, gesteht Weck. „Aber ich langweile mich schnell bei ein und derselben Sache, suche neue Herausforderungen.“
Und wie verträgt man Anweisungen eines Regisseurs, wenn man selbst in diesem Metier zuhause ist? Weck: „Es kommt auf den Regisseur an – manche können tatsächlich stören. Inszenieren ist ja ein psychologisches Vorgehen. Ich habe immer versucht, die Schauspieler so zu führen, dass aus Schwächen Stärken werden.“
Apropos Schwäche: Al spuckt beim Sprechen und stößt dem Gegenüber immer hart den Zeigefinger auf die Brust, was Willie auf die Palme bringt. Neil Simon nimmt hier Eigenschaften und Verhaltensweisen aufs Korn, die auf der Bühne einen tragikomischen Effekt erzielen, dem solchermaßen traktierten Bühnenpartner jedoch zusetzen können. „Es gehört zum Beruf, damit fertigzuwerden“, sagt Weck. „Ich habe aber geschaut, dass ich mir meine Partner auswählen kann.“ Ähnlich antwortet von Thun. Ein anderes Thema ist das schwächelnde Namensgedächtnis, überhaupt die Vergesslichkeit im Alter, was der Komödie Futter liefert. „Man darf jedoch nicht nur die Pointen ausspielen, da muss man bremsen, sonst wird die Geschichte flach“, weiß Weck. Und von Thun ergänzt: „Echte Komik kann sich erst aus der Menschlichkeit heraus entwickeln.“ Letztlich geht es in diesem Stück um Existenzielles: um das Warten auf eine Rolle, die Hoffnung auf Anerkennung, ums Altern und das Ende der Karriere. Thematisiert haben das auch Thomas Bernhard in „Minetti“ (1976) und Elmar Golem in seiner 2017 fürs Münchner Metropol kreierten Beckett-Variation „Zwei alte Mimen warten in der Kantine auf…?“. Neil Simon verhandelt all das jedoch entspannend heiter. Ob und wie sich seine beiden Mimen zusammenraufen, kann man nun nachprüfen.
Premiere
von „Sonny Boys“ ist heute, gespielt wird bis 6. Januar; Telefon 089/ 29 16 16 33.